Donnerstag, 19. Dezember 2013

Salt water in my boots

Die Cyclone Season startet in Neukaledonien offiziell am 1.Dezember, ein ominöses Datum um den Anker zu lichten. Ich erwachte am Morgen mit einigen bedenklichen Gedanken. Dan hatte mir am Vortag klar gemacht, dass über Bord zu gehen auf hoher See fast nur Nachteile bringt. Die Worte vom norwegischen Andreas hatten dagegen beruhigende Wirkung, er meinte er sei während der gesamten Pazifik Überquerung nie auch nur nahe dran gewesen vom Boot zu fallen, und genau so fühlt es sich nach einer Weile an, die Chance dafür ist auch bei hohem Seegang deutlich kleiner als man anfangs befürchten könnte. Fürs Pinkeln vom Heck band ich mich aber anfangs trotzdem immer an der Lifeline an.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich im Umgang mit der Red Sky Night einigermassen befähigt fühlte. Dabei hilft auch nicht, dass die Segler, gleich den Franzosen, für alles ein eigenes Wort haben müssen. Captain Dan war zudem nicht scheu wenn's darum ging, mit diesen Termen um sich zu schmeissen.
Ein kurzer Auszug, leicht verständliche weggelassen: halyard, lanyard, vang, preventer, cleat, winch, beam, boom, dhingy, fender, spreader, lazyjacks, tack, reef, furl, jibe, trim, heel, mainsheet, spinnaker, bilge, aft, stern
Und noch meine Favoriten, die Sinnverdrehten: painter (Fangleine), helm (Steuer), head (Klo), galley (Kombüse, Küche), bow (Bug), port (Backbord, links).

Das ging dann etwa so:
Me: "How do I put a reef in the mainsail?"
Dan: "Steer thirty degrees into the wind, ease the mainsheet and the preventer, release the halyard to the first reef mark, put the ring in the reef hook, tighten the halyard, pull the reef line tight watching for entanglement, if necessary bring the boom in to untangle, fasten the preventer on the starboard toe-rail just in front of the cleat, take the helm and bring the boat back on course." Und schaut dich an, als ob damit alles klar ist. Seine déformation professionelle machte er aber mit erstaunlicher Geduld und Gelassenheit wett.

Stärkster Eindruck der Überquerung war ganz klar, dass wir auf einem Wasserplaneten leben. Eine ganze Woche lang war weder Land, noch ein Schiff, noch irgend etwas anderes am Horizont zu sehen, nur blaues Meer. Einzig ein paar Vögel und Fische boten etwas Abwechslung, aber selbst die schienen einsam und verloren in dieser riesigen Wasserwüste. Ab einem Wellengang von etwa vier Metern nimmt das Meer die Formen einer Landschaft an, Hügel, Berge, Täler rollen vorbei und mulmen den Magen. Ohne mich je wirklich schlecht zu fühlen hatte ich mich dreimal übergeben (nachdem Dan vorgemacht hatte wie's geht, Seekrankheit geht nie ganz weg), bevor ich mich von den gut wirkenden Tabletten überzeugen liess.

In der Nacht wechselten wir uns in 4-Stunden Wachen ab, das hiess jede Viertelstunde Kurs, Horizont und (falls laufend) Motor kontrollieren, dazwischen Sternenhimmel; die fantastische Bioluminiszenz ums Boot, Sonnenauf- und Untergang oder einen Star Wars Film betrachten.

Die Mahlzeiten fielen erstaunlich üppig aus, auch dank eines am ersten Tag gefangenen Wahoo, mit dem beweglichen Herd kann man selbst bei rauher See noch kochen. 

Im total freundlichen Brisbane anzukommen war erleichternd und ernüchternd zugleich, genauso wie das Leben auf dem Boot gleichzeitig einengend und frei ist. Vadim und ich entschieden uns, noch eine Weile auf der Red Sky Night zu bleiben, einige Tagen vor Anker im Brisbane River, danach auf Tour durch die Insel- und Sumpflandschaft der Gold Coast Region, wo wir Silvie aus Brig aufluden, die schon in Tonga mit Dan und den Norwegern gesegelt war. Sie wohnt momentan in Byron Bay, was mich veranlasste zu fragen, ob sie Sara kennt, der ich in Fiji begegnet bin -- sie wohnen zusammen; kleine Welt.

South Stradbroke Island war ein einziges feuriges, sandiges, schlammschlachtiges, purzelbäumiges, gitarrensingendes Highlight, mit einem Strand der vielleicht weniger beschaulich und hübsch ist als auf den Pazifikinseln, aber so viel beeindruckender in seiner Gewaltigkeit - hier wollte ich hin. 

Alles hat ein Ende, nur das Boot hat zwei, inzwischen übernachte ich wieder auf festem Boden in Brisbane, und suche nach einem Auto, das mich bis nach Perth bringt, eine ähnliche Distanz wie mein Trip durch die USA, was für eine Freude. Wenn ich nur mehr Zeit hätte. 

Gedanken zu den Bildern und Videos: Nehmt mir die Colaflasche nicht übel. Eine bessere Videoauflösung musste ich leider der Grössenbeschränkung opfern. Meine Sarong-Bandana diente selbstverständlich in erster Linie der Haarbändigung und erst in zweiter dem Piraten-Mimikry.

Der leidenschaftliche Segler Scott (s. Charlottesville), als er von Bonnie (s. Bozeman) hörte, dass ich mich jetzt Matrose nenne, leicht skeptisch: "so he's got salt water in his boots now..." :). Wie dem auch sei, das Segeln war ein Riesenerlebnis und fehlt mir schon jetzt.