Wie das lange Zögern wohl schon verrät, dieser Eintrag hat sich nicht von alleine aufgedrängt, und er entsteht wohl auch jetzt grösstenteils, weil er angekündigt war.
Ich hatte das Nachhausekommen einfacher in Erinnerung. Nicht dass es mir dabei schlecht geht, im Gegenteil. Immer noch erfüllt mich etwas zwischen grosser Zufriedenheit und Glück. Schwieriger fällt mir aber die Umstellung zu weniger automatischer Bewegung. Ich hatte in diesen Tagen oft das Bild vor Augen, durch Zuckerwatte zu laufen. Das Leben hier in Bern ist extrem süss und komfortabel, vor allem jetzt im Sommer, doch es braucht, vielleicht gerade deshalb, auch Energie, um sich zu bewegen. Es ist einfach, festzukleben. Dies steht für mich in krassem Gegensatz zum vergangenen Jahr, als ich mich vogelfrei durch die Luft gleitend gefühlt habe, stets weiterkommend beinahe ohne mit den Flügeln zu schlagen. Nun ist es nicht so, dass ich hier gar nichts unternommen hätte - ich habe viele meiner langvermissten Freunde wiedergetroffen, war in den langvermissten Bergen, in der kühlen Aare, habe Korbball- und Lauftraining wieder aufgenommen, habe sogar das Reisen noch etwas verlängert mit einem sehr schönen einwöchigen Roadtrip, um meine Schwester Katrin in Wismar, Sonja in Hamburg, Mia in Brüssel, Tante Pia und Götti Marc in der Nähe von Namur zu besuchen (damit sind nun auch fast genau die erdumfassenden 40'000 km im Auto zurückgelegt). Doch gleichzeitig fühlt es sich etwas an, als wäre ich auf Entzug von alltäglichen Reizbeflutungen, Aufregungen und Eindrücken. Ich denke ich werde mich schnell auch wieder hieran gewöhnen, ohne jedoch dadurch meine Überzeugung zu verlieren, dass Reisen die beste Art zu leben ist. Ich habe in diesem Jahr mehr gesehen und erlebt, mehr neue Leute und damit auch neue Einflüsse in meinem Leben gehabt, als in wahrscheinlich fünf Jahren zuhause. Die Anzahl soll hier nicht unabhängig von der Qualität gesehen werden, und es gibt nur etwas mehr als eine handvoll Menschen, von denen ich glaube, dass wir auch wirklich den Kontakt aufrechterhalten werden. Doch selbst kurze und isolierte Begegnungen haben häufig ihren Wert und Reiz, gerade weil dabei oft unterschiedliche Kultur, Sprache, Herkunft einen sofortigen Spannungsbogen erzeugen, der zusammen mit der ungezwungenen Freiheit der Situation einen schnellen Wegfall vom Smalltalk, einen ungehemmten Austausch von persönlichen Ansichten und ein äusserst offenes Aufeinandertreffen ermöglichen. Selbstverständlich entsteht noch häufiger keine wirkliche Verbindung, doch das stellt nach einer Weile höchstens noch ein Hintergrundrauschen dar. Hält man sich dazu noch all die verrückt schönen Orte vor Augen, die es zu sehen gibt (eine Auskopplung einiger Bilder von der Reise, wer's auf Facebook noch nicht gesehen hat), die beinahe totale Absenz von Zwang, Stress und Belastung - ich war nicht einmal krank in diesem Jahr, es fällt schwer zu begründen, wieso ich dies nicht schon früher wieder gemacht habe. Zu erschwerenden Faktoren für eine lange Reise gehören bestimmt: mangelnde finanzielle Mittel (ich habe 3000-4000.- pro Monat veranschlagt, war aber auch in eher teuren Ländern, habe wenige der Kosten geteilt und kaum gespart), Kinder (es gibt ganz klar mehr zu organisieren und zu planen, aber ich habe viele glücklich reisende Familien getroffen, auch mit Kleinkindern), und berufliche Hindernisse (nicht jeder hat so verständisvolle Chefs oder die Gewissheit, sowieso wieder einen guten Job zu finden).
Und doch ist da mehr, das hindert, was eigentlich nicht hingehört. Die Vorstellung, nur ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein, wenn man ständig arbeitet. Geld und Besitz als Wert, dessen Vermehrung und Anhäufung man im Leben anzustreben hat. Die zwingende Konformität mit dem Lebensmodell der Mehrheit unserer Bevölkerung. Wir sind wohl fast alle in der unheimlich glücklichen Situation, dass wir uns grosse Wünsche erfüllen können. Wir leben in der Schweiz, haben eine gute Ausbildung, einen guten Verdienst und sind somit bessergestellt als etwa 99.5% der Welt. Wir leben in einer Zeit in der das Reisen einfach gemacht wird, es aber noch intakte Natur und abgelegene Ecken zu entdecken gibt.
Ich versuche hier nicht, jemanden vom Reisen zu überzeugen, der sich nicht dafür interessiert. Wie bei allem kann man mehr oder weniger dafür geschaffen sein, und ich habe genügend Leute (vor allem deutsche Abiturienten in Australien) angetroffen, die nicht einen Traum verwirklicht haben sondern einem anderen sozialen Druck gefolgt sind. Meine Hoffnung ist vielmehr, dass wer sich sowieso schon mit dem Gedanken trägt und Lust aufs Reisen hat, seine Ausreden ernsthaft überdenkt.
Mein letztes Jahr ist ein erfüllter Traum, Danke dass ihr ihn mit mir auf diesem Weg geteilt habt.