Samstag, 30. November 2013

Grosse Erde, Kleine Welt

Die Umrundung der Grande Terre, mit 16'372 km2 etwas kleiner als halb so gross der Schweiz und damit (glaube ich) die grösste Insel im Pazifik nach Neuseeland, hat Spass gemacht, die Freiheit von Auto, Zelt und Self-Catering tat mir gut. Kurz unterbrochen wurde die Freude, als ich für zwei Nächte wegen viel Regen ein Dach über dem Kopf suchte. Eine Suche, welche meine kleineren touristischen Probleme mit Neukaledonien (ein paar Bilder hinzugefügt) gut illustriert:

1. Wahl: geschlossen, für ein Jahr Renovierung
2. Wahl: Nur mit 4wd erreichbar
3. Wahl: dito
4. Wahl: Muss mindestens 3 Tage im Voraus reserviert werden
5. Wahl: Bei Regen nur mit 4wd erreichbar (es wird regnen)
6. Wahl: Ausgebucht (inzwischen hat sich der Suchradius schon deutlich vergrössert)
7. Wahl: Graben für WCs muss neu ausgehoben werden (während dem Regenwetter? Sicher?)
8. Wahl: Keine Antwort, dann besetzt, dann keine Antwort, dann keine Ahnung ob Platz vorhanden, da er gerade auswärts ist, solle morgen anrufen.
8. Wahl (nächster Morgen): Keine Antwort, dann Meldung, das Telefon sei ausser Funkreichweite.
8. Wahl (bin inzwischen vor Ort): Treffe den Eigentümer an, beim Putzen eines der Bungalows. Ich solle um vier Uhr (es ist elf) wieder kommen, der Raum sei noch nicht fertig, aber schon jetzt bezahlen wenn's geht. Will mir das einzige zurückgesetzte Bungalow ohne Aussicht andrehen, auf insistierende Rückfrage ist kein anderes schon besetzt und sie sind sogar sofort bezugsfertig...
Etwas später, nach Hike und Schnorcheln und genereller Zustimmung zur Umgebung frage ich, ob ich auch die nächste Nacht bleiben kann. Leider ausgebucht. Great, here we go again...

Das Autofahren hier war eine der gefährlicheren Unternehmungen bisher, 110 auf Strassen, die teilweise nicht mal eine Mittellinie haben, viele Einheimische fahren und vor allem überholen wie die Berserker. Ehm, schlechter Vergleich, ihr wisst was ich meine. Etwa eine Viertelstunde nachdem ich aus Noumea losgefahren war (mit einem Gefährt, das ich im Kofferraum meines USA-Autos hätte verstauen können, aber es lebe die Gangschaltung!), schubste mich einer der Verrückten gleich zweimal fast von der Strasse, einmal beim Überholen, dann beim Zurückkommen, inzwischen auf wilder Flucht vor dem Polizeiauto dahinter. 

And last but far from least, in einer Last Second Aktion ist die Segelüberfahrt doch noch zur Realität geworden, was mich extrem freut. Die einzige Antwort auf meinen Aushang, am Tag vor meinem Flug, kam vom 36jährigen Aussie Daniel, mit ihm, dem Ukrainokanadier Vadim und einem schätzungsweise 10m Segelboot fahre ich morgen ab Richtung Brisbane, ankommen sollten wir in etwa einer Woche. Das Immigration Office war eigentlich längst geschlossen, und 10 Minuten bevor nicht einmal mehr guter Wille geholfen hätte weil alle im Wochenende sind, konnte ich meinen Pass vorzeigen, ansonsten hätte dieses Boot wohl doch noch ohne mich abgelegt. Der Flug ist entschädigungslos gestrichen, ich habe zusätzliche Auslagen, weniger Zeit in Australien, doch das ist es eindeutig alles wert. 

Die Segler scheinen sich untereinander alle schon von irgendwoher zu kennen, treffen sich nach einer Passage häufig wieder, und helfen sich auch mal mit Crew aus falls nötig. Zwei Kapitäne solcher Buddy Boats waren mit uns unterwegs zur Immigration, einer davon Norweger.

Me: "Did you meet any other norwegian sailors?"
Andreas: "Yeah, lots!"
Me: "Do you know someone of the name of Mia Malvær?" (in Vanuatu getroffen, die mit dem Löffel, Email verloren)
Andreas (short pause, then in a toneless voice): "That's my sister, she's on my boat."

Ein grosser kleine Welt Moment.

Ich habe angefangen, norwegisch zu lernen,
das kam so: Ich traf Mia, einen anderen Norweger, las per Zufall ein Buch des norwegischen Autors Jo Nesbø, wollte ein weiteres von ihm lesen und hatte schon die Idee es in norwegisch zu versuchen, und fand absolut unfassbarerweise in einem Book Exchange im Harbour Office von Noumea (ca. 120 Bücher) das norwegische Exemplar eines seiner Romane - eindeutige Sache, ausserdem fand ich keinen guten Grund dagegen. Meine ersten Versuche zur Kommunikation in Norsk wurden von der norwegischen Crew hingegen mit blanken Gesichtsausdrücken abgeschmettert.

Mittwoch, 20. November 2013

Pinien

Nicht nur die Namensverbindung zu Schottland hat mich nach Neukaledonien gezogen, auch die Bilder von weissen Stränden an türkiser (World Heritage) Lagune taten das Ihrige. Speziell die Île des Pins ist auch wirklich ein schönes Stück Erde, was sich aber auch schon herumgesprochen hat, entsprechend hoch der Influx von Touristen. Viele davon kommen aber bloss für eine Tagestour, mit der Fähre oder vom Kreuzfahrtschiff, davor und danach kehrt mehr Ruhe ein.
Während die Sicht unter Wasser und die Korallenbilanz deutlich getrübter sind als in Fiji und Vanuatu, gibt es - weiter entfernt von den Lobotomisten, die immer noch nicht gehört haben dass man Korallen nicht anfasst - noch schöne Plätze, an denen ich endlich auch Seeschlangen, Schildkröten, Stachelrochen und einen Hai sehen konnte.

Im nächsten Jahr wird über eine mögliche Unabhängigkeit von Frankreich abgestimmt, was aber wahrscheinlich nicht viel daran ändern würde, dass man neben den in Klans organisierten Kanaken (44% der Bevölkerung) fast ausschliesslich Franzosen antrifft, viele davon auf der Suche nach (besser bezahlter) Arbeit. Für mich ergab sich daraus eine sehr konsequente, nicht unwillkommene Pause vom Englischen. Der Reisespass darf hier ohne Französisch nicht mal mit einreisen, habe ich gehört.
Das Preisniveau ist selbst ohne Höhenangst und mit Schweizer Gipfelerfahrung ein bisschen schwindelerregend, dank Zelt und Dosenfood blieb mein Budget aber auf festem Boden. 

Neukaledonien ist äusserlich moderner als seine Nachbarländer, das Organisieren der Reise paradoxerweise aber eher schwerer. Neben einem chronischen Unterangebot an Unterkunft und fahrenden Untersätzen scheitert vieles an einer wahlweise entspannten oder faulen "j'm'en fous" Mentalität, die Telefone und Mails manchmal tagelang oder gänzlich unbeantwortet lässt. Auf der Île des Pins müsste man, könnte man neben dem Food auch die Rechnung verdauen, Restaurants spätestens am Morgen reservieren. Der grandiose Zeltplatz an der Baie des Rouleaux, gerade abgelegen genug um dem Touristentrubel weitgehend zu entgehen und sich einen Bruch zu holen beim Hintragen von 30kg Gepäck, liess mir mangelnde Spontanität aber schnell akzeptabel erscheinen.

Nach einer unerfreulichen Episode mit meinen Flugtickets in Verbindung mit einer unfähigen Reiseagentin habe ich inzwischen den Plan aufgegeben eine Woche früher nach Australien zu fliegen, hingegen besteht noch die Hoffnung, dass mein Matrosen-Inserat am Hafen eine Segelüberfahrt aufwassert. Ansonsten werde ich die Woche dazu nutzen, mit einem Mietauto um die Hauptinsel zu fahren.

Donnerstag, 7. November 2013

Mars

Über die Jahre hat der aktive Vulkan Mount Yasur in der umliegenden Landschaft eine teilweise meterdicke schwarze Aschesandtonschicht gelegt, er donnert unablässig, blitzt manchmal, setzt gelbgrauschwarze Wolken in den Himmel, erschüttert die Erde. Und in der Nacht sieht man weithin, wie aus dem roten Glühen Lavabrocken in die Höhe steigen, ein Ehrfurcht gebietendes Feuerwerk der Natur. In den umliegenden Dörfern gilt das erste Gebet Yasur, danach der Reihe nach dem John Frum Kult (ich versteh's immer noch nicht ganz, erkläre es also lieber nicht), dem Dorfchief und schliesslich Jesus. Wenn man dem Vulkangott nur zuhöre, dann erzähle er einem Geschichten, vertraut mir der 81jährige Urgrossvater David an. Dieser mystische Medizinmann (sein höchstangepriesener Zaubertrank hilft der Maschine beim Familie gründen, seine Frau nickt verschmitzt) trägt ein T-Shirt, aber seine Heilkräfte werden durch seine Vitalität fast glaubhaft, was er mit zerdrückendem Händedruck zu untermauern sucht. Natürlich war ich erst beim Verabschieden darauf vorbereitet, das folgende wunderbar absurd kindische Kräftemessen endete Unentschieden und in einem Riesengelächter aller Anwesenden.
Ich wurde auf der Vulkaninsel Tanna vom sehr sonnigen Gemüt des Australophilippino David (noch einer) begleitet, seinen heiteren Witzen konnte ich nur mit dem humoristischen Gegenstück des Miesepeters begegnen. Wir waren ständig mit den Kiddies Thelma und Stanley unterwegs, zum Schwimmen im Fluss, hinauf auf den Kraterrand, zum Volleyball spielen und auf Besuch bei der Verwandtschaft (auf meinen Wunsch hin). Zudem liess ich mich zu einer Dorfbesichtigungstour überreden, was sich gnadenreich als reines Theaterstück (Tanz, Feuermachen, Zaubertrick) ausserhalb des Dorfes vor grandioser Vulkankulisse herausstellte. Die Kids meinten, es sei üblich mitzutanzen, was uns dank einfacher Choreografie und der sehr unaufdringlichen Art auch nicht schwerfiel und sogar Spass machte. Es gibt auf der Insel tatsächlich noch einige Dörfer, die komplett traditionell leben und die Strohröcke oder Nambas nicht für die Touris tragen, ich hoffe die meisten davon bleiben noch lange unzugänglich.
Zurück auf der westlichen Seite der Insel schnorchelte ich zum ersten Mal in einem Blue Hole (#2, unterhalb der Rocky Ridge Bungalows), das sind Vertiefungen im Riff, die wie Räume eines korallenverzierten Schlosses anmuten, für mich hinter dem Ningaloo Reef in Westaustralien bisher die zweitbeeindruckendste Unterwasserwelt.

Kaum zurück im Hauptquartier (Janelle und Jack's tolles Traveller's Budget Motel in Port Vila) hat sich der nächste Plan ergeben, und ich fuhr mit der Deutschen Carolin auf die Insel Lelepa, wo wir inmitten des Dorfs als einzige Touristen in einem alten Haus mit immer noch hängenden Familienfotos bleiben konnten, das ermöglichte einen ziemlich unverfälschten Einblick in das Dorfleben, welches wegen der besseren Versorgungslage ein wenig komfortabler ist als auf Tanna.

Zum Abschluss habe ich noch ordentlich Geld liegen lassen für eine schon lange beäugte Katamarantour, die ein paar super Schnorchelspots wie den Paul's Rock ansteuert. Es ist ein kleines Versäumnis, dass ich mich nicht stärker um eine Segelüberfahrt als Deckhand zum Beispiel nach Australien bemüht habe, das wäre durchaus ein machbares Projekt gewesen, eine günstige Art zu reisen und ein Abenteuer.

Als nächstes geht's nach Neukaledonien, das glaube ich noch einmal komplett verschieden ist von Fiji oder dem äusserst sympathischen, freundlichen, entspannten, noch am touristischen Anfang stehende Vanuatu.