Donnerstag, 26. September 2013

Bugling Elks



Nach einem weiten Sprung nordwärts in den Grand Teton Nationalpark, habe ich am Fusse von richtigen Bergen endlich wieder mein Zelt aufgeschlagen, in der Überzeugung dem Wüsten Wetter entronnen zu sein. Fünf Minuten später fielen krachend zentimetergrosse Hagelkörner, die aber zum Glück sowohl Auto als auch Zelt hail liessen. Nach einer kalten Nacht voller Niederschlag fiel mein erster Blick auf plötzlich weisse Berggipfel, denen ich in einer langen, ständig (gemässigter) verhagelten aber trotzdem genossenen Wanderung zum Lake Solitude etwas näher kam. Der Yellowstone Nationalpark liegt direkt anschliessend nördlich, an meinem ersten Tag dort konnte ich allerdings nicht mehr viel unternehmen, nachdem ich ausserhalb des Parks eine Avis-Vertretung aufsuchen und zweieinhalb Stunden rumstürmen und zuwarten musste, damit sie ihre internen Probleme ausräumen und den Beschlagnahmungsbefehl für das Auto zurückziehen - eine Katastrophe. Ihr Werbespruch "We're number 2, we try harder" gehört mit "... and still fail miserably" beendet.
Die erste Nacht in Yellowstone war nicht kalt sondern gefroren, wie mein Zelt, und zum ersten und hoffentlich einzigen Mal auf diesem Trip war mein Schlafsack so richtig gefordert. Die folgenden zwei Schönwettertage im Nationalpark Nummer 1 der Welt, der auf einem aktiven Supervulkan sitzt und weltweit die Hälfte aller geothermischen Features (Merkmale? Ausprägungen?) beherbergt, brachten dann aber die farbenfrohe Umgebung des Parks ernsthaft zur Geltung. Angestachelt von Philippe's erfolgreichem Jungfraumarathon war ich auf dem einen Hike 40km unterwegs, einen grossen Teil davon so weit im Backcountry, dass ich keinen einzigen Fussabdruck (dafür aber haufenweise Tierspuren) fand. Mein Bärspray war in diesem Moment von unschätzbarem Wert für meine Nerven. Zudem habe ich mich jeweils angekündigt, wenn die Bäume dichter wurden und ich gegen den Wind lief (Rätsel: what does the fox say? ;). Die Nächte in Yellowstone werden in dieser Jahreszeit mystifiziert durch das markdurchdringende melancholische bugling der Wapitis (hier: Elk), was etwa wie das Öffnen des Tors zu einem Geisterschloss klingt.

Eine Bitte in eigener Sache: Ich habe mich auf den langen Strassen Amerikas so langsam durch meine Musikbibliothek gehört, wer also etwas zum Soundtrack meiner Reise beitragen möchte, ich würde mich sehr freuen über neue Musik (am liebsten alle Tracks des Albums, aber einzelne mp3's sind natürlich auch willkommen). Ich habe einen Ordner in meiner Dropbox dafür eingerichtet - oder per Mail. Merci tuusig!


Mittwoch, 18. September 2013

Roti Chempe

Den nächsten roten Felsen male ich hellgrün an. Irgendwann kriegt man genug davon, und auch von Menschenmassen, der ständigen Gewitterdrohung und Nationalparks könnte ich eine kurze Pause gebrauchen. Nicht dass die Parks nicht zurecht dort sind, wo sie sind, und gerade Bryce ist wirklich ein Stück Landschaft von einem anderen Planeten. Aber die Trails sind grösstenteils derart breit, gut ausgebaut, beschildert, frequentiert, dass man ständig an die Annexion durch die Zivilisation erinnert wird, ein Stück der wundersamen Natur bleibt dahinter unweigerlich verborgen. Der Hike in Zion war trotzdem ein Erlebnis für sich, der senkrechte Abgrund auf beiden Seiten adrenalinschiebend, der Gipfel mit dem Namen Angel's Landing rundumsichtig und von Streifenhörnchen befallen. Yusuke bestand leichtsinnig und leichtfüssig darauf, sich möglichst an keiner Kette festzuhalten und ist nur einmal ausgeglitten, wobei allerdings seine Kamera etwas Schaden genommen hat, was für einen Japaner mindestens so lebensbedrohlich ist wie der Fall in die Tiefe. Arches war etwas enttäuschend, diesen Park hat man nach dem Betrachten von (Schönwetter-)Fotos schon fast gesehen. Und dann war da noch Canyonlands, mit strahlendem Wetter, viel weniger Touristen, und einem blutgefrierenden Blick über die Klippe, der mich mehr beeindruckt hat als der Grand Canyon. Bilder aus Utahs Nationalparks:
Zion, Bryce Canyon, Arches, Canyonlands.

Dinge, die mich letzthin zum Lachen brachten:
Eine Schwedin: "We're practically from the same country!" (Viele Amerikaner tun sich schwer mit dem Unterschied zwischen Sweden und Switzerland)
Ein grosses Schild am Strassenrand: "Warning to tourists: Do not laugh at the natives!"
Ein Kind im Einkaufswagen, singend skandierend "Fruit loops! Fruit loops! ..."

Mittwoch, 11. September 2013

Monsoon

Die Landschaft im Südwesten der USA macht ein schnelles Vorwärtskommen schwierig. Nicht vorwiegend wegen einer kurvigen Strasse, sondern weil man alle paar Meter anhalten möchte, um die ständig wechselnde Kulisse zu geniessen, oder weil man plötzlich unverhofft neben dem Very Large Array durchfährt (für einen Astrophysiker ungefähr, was der Petersdom für einen Katholiken). Leider wird dies durch die Monsoon Saison (ja, das wusste ich nicht, dass es die hier gibt) in den letzten Tagen erschwert, heute war der Zion National Park wegen Überschwemmungen gesperrt. Den gewaltigen Grand Canyon konnte ich vor ein paar Tagen zwischen Wolkenbrüchen trotzdem bestaunen, auch wenn ich auf der 26.5km Wanderung runter zum Colorado River und wieder hoch (ca. 1400 Höhenmeter, die umgekehrte Reihenfolge von Auf-/Abstieg war spannend) eher raste als rastete, nachdem mir eine entgegenkommende Rangerin vom aufgrund Überflutung gesperrten Trail am Vortag erzählt hatte. Die nicht ganz fünf Stunden, die ich schliesslich unterwegs und meistens durchnässt war, haben auf jeden Fall etwas von meinem Sportmanko abgebaut. Das frostig nasse Zelten im Park war danach nicht mehr sehr attraktiv, ich überliess die Reservation vier Österreichern und kehrte zum sympathischen Hostel in Flagstaff zurück, wo die solo und outdoorsy Travellers zum ersten Mal auf meinem Trip den grösseren Teil der Gäste ausmachten. Einer davon war der 21jährige Yusuke aus Japan, der den Film "Into The Wild" über 300mal gesehen und daraus sowohl seine Lebeneinstellung (wilder Camper und Hiker, will nach Alaska), als auch seine für Japaner erstaunliche Aussprache hat. Er war schon in 39 Ländern, verdient sich seine Reisen mit Nachtarbeit (am Tag studiert er) und niemand zu Hause weiss davon, sein Handy ist jeweils monatelang 'kaputt'. Seine ungemein wissensbegierige, intelligente, aber auch stereotypisch bescheidene Art ermöglichten einen für mich faszinierenden Austausch über kulturelle Unterschiede und wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Solche Begegnungen sind bestimmt einer der besten Gründe zu reisen. - Und soeben hat sich herausgestellt, dass wir im gleichen Motel untergekommen sind, super Zufall. Morgen wird ein neuer Versuch Richtung Zion gestartet.
Die Karte kann ich leider nur mit einem Computer und nicht mit dem Handy updaten, sie ist deshalb nicht immer ganz synchron.

Dienstag, 10. September 2013

Wüstenwanderungen

 Nach dem ersten Kilometern in die Chisos Mountains hinein war ich bereits dehydriert und mir bewusst, dass zwei Liter Wasser eindeutig zu wenig sein würden in dieser extrem trockenen Luft. Der typische Anfängerfehler, der mir seit Jahren nicht mehr passiert ist. Ich habe lieber rationiert als zurückzugehen. Natürlich hat mich dies auf den restlichen, langen und wunderschönen 25km etwas gequält, aber das eisgekühlte glücksgefühlte Cola hernach machte dies wieder wett. Was mich wiederum an eine Wanderung in Neuseeland erinnerte, als ich den krassesten Hungerast gefolgt vom besten Apfel meines Lebens hatte. Für zusätzlichen Ballast sorgte ein am Wegrand verlorenes, brandneues Programmier-Lehrbuch, das seinen Besitzer wahrscheinlich trotzdem nicht wiedergefunden hat. Der Big Bend National Park hat etwas schwer beschreib- und bebildbares, die Fotos werden ihm nicht gerecht. Es ist als wären die Farben farbiger, die Sterne heller, alles etwas intensiver und lebendiger, trotz oder vielleicht gerade wegen der Wüste. Von Hinweistafeln begrüsst, die mir nicht nur den schon bekannten Schwarzbären, sondern auch noch Pumas verprach (man sollte nicht allein, nicht bei Sonnenauf/untergang, und nicht rennend unterwegs sein...), habe ich einen robusten Wanderstab mitgenommen und war überzeugt, noch unter dem Eindruck von Shenandoah, dass ich nur ein paar Schritte machen muss bevor ich das erste Fauchen höre. Doch weder Schwarzbär noch Puma hatten Lust mich zu erschrecken, bloss Tarantel und später dann Schlangen (eine hat geklappert, die andere nicht) liessen sich blicken. Und natürlich Rehe, aber die sind langsam langweilig, die versuchen ja nicht mal zu beissen. Dafür können sie einem surrealerweise zuzwinkern. Eine ausgemergelte Schwarzbärin (ist ein langer Marsch von Shenandoah) mit Jungen begegnete mir schliesslich noch auf dem Weg aus dem Park, und kümmerte sich herzlich wenig um mein Auto. Die Abgelegenheit von Big Bend (oder wie ich irgendwo gelesen habe: es gibt Orte mitten im Nirgendwo, doch dieser Nationalpark ist am Ende von Nirgendwo) bedeutet auch, dass extrem wenig Besucher dort sind.
Warum letzeres auch auf das White Sands National Monument in New Mexico zutrifft ist mir hingegen ein Rätsel. Auf einer 8km Wanderung durch diese weisse Märchenlandschaft habe ich ausser beim Ausgangspunkt keine Menschenseele gesehen. Der Sonnenuntergang in der Wüste war dabei unglaublich, ein Naturschauspiel, wie ich es mir kaum schöner vorstellen kann. Aus einem See entstanden existiert das 700 Quadratkilometer grosse Dünenfeld nur, weil der wasserlösliche Sand (Gypsum) wegen dem eingeschlossenen Becken nicht abtransportiert wird, sondern wieder kristallisiert. Gypsumsand hat eine leicht andere Beschaffenheit und ist grundsätzlich etwas kompakter als normaler Quarzsand, was das Laufen darauf einfacher macht. Man kann auch Plastikwoks mieten um die Dünen hinunter zu rodeln, das hat aber in meinem Fall (mangels Wachs oder aufgrund falscher Düne) nicht wirklich geklappt.

Mittwoch, 4. September 2013

Tor in den Westen

Gerne hätte ich noch mehr vom Mississippi gesehen, es dauerte aber noch eine weitere Stadt-zu-Stadt Fahrt auf dem Highway, bevor ich wirklich wieder andersartig unterwegs sein wollte, davon später. Der Trip von New Orleans nach Austin war aber dank zwei Mitfahrern kurzweilig und brachte mich zudem in die Stadt, die mir bisher am besten gefiel in den Staaten. Sicher half dabei auch Christy (wird regelmässig in female dorms gebucht), der bereits einen Tag vor mir hier war, und der mir schon in Memphis und New Orleans ein intelligenter, wissensreicher, schachbefähigter und erholsam gemässigt auf Saufen und Party ausgerichteter Weggefährte war. Das Klima von Austin (trockene Hitze bei knapp 40º, nachts um 30ºC) erinnerte mich stark an dasjenige von Broome in Westaustralien und ist für mich pure Seelenerquickung. À propos, die Kirsche auf der Sahne besteht aus einer natürlichen kalten Quelle unweit des Stadtzentrums, die als Freibad genutzt und als Seele Austins bezeichnet wird -  ein Sentiment, das wohl zutreffend vielen Stadtgewässern entgegen gebracht werden kann (heimwehseufzer). Das Einnachten wird eingeläutet durch eine Schar von einer Million Fledermäusen, die alle gleichzeitig von ihrem Schlafplatz unter der Brücke auf die Jagd gehen. Ich stelle mir vor, die Mücken leben jeden Tag in Terror vor diesem Augenblick. 
Nightlively braucht sich die Stadt ebenfalls nicht zu verstecken und schien für mich sogar noch etwas freigeistiger, verrückter und vielfältiger als Nashville oder New Orleans. Am Ende einer fast aufgegebenen Suche in vielen Bars mit solala Live-Musik entdeckten wir eine Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug) von sehr jungen, bühnenunerfahrenen Superkönnern ohne Zuhörer, die u.a. Jimmy Hendrix gespielt haben als wär's nix.
Mit dem zusätzlichen Anreiz einer sich langsam verändernden Landschaft, die karger und dadurch durchschaubarer geworden war, gelang es mir endlich, einfach drauflos in Richtung Westen ins Texas Hill Country zu fahren, auf kleineren Strassen, mit vielen Umwegen und Auskundschaftungen, ohne den nächsten Ort schon gebucht zu haben (was ich mir nach der Hostelknappheit im Osten angewöhnt hatte). Eigentlich die einzig richtige Art zu reisen. Wenn da nur nicht all die Orte wären, wo man auch noch hin will, innerhalb der beschränkten Zeit... ein Dilemma der zugegenermassen luxusproblematischen Sorte. Jedenfalls wurde ich, nebst vielen ruralen Eindrücken, mit dem genialsten Ort belohnt, den ich mir vorstellen kann, dem Damm bei Lake Ingram, auf dem sich an diesem Labor Day Wochenende viele Leute tummelten, was für mich beim Vorbeifahren nach umdrehenswürdigem abkühlendem Spass aussah. Dass man die Mauer runterrutschen kann (direkt auf dem glitschigen Stein, auch ohne Untersatz), war die erste Sensation, die zweite war, dass es Spinner gibt, die sich dafür nicht mal hinsetzen, oder erst unabsichtlich auf halbem Weg. War ja schnell klar, dass ich nicht da weg konnte, bevor ich mich dem nicht auch gestellt hatte. Ich hätte natürlich einen Film davon machen müssen, hoffe die Bilder geben auch einen Eindruck - einfach unbändige pure Freude. Untergekommen bin ich, ebenfalls langantizipert, schliesslich in einem Motel, was für mich etwas vom urtümlichst Amerikanischen ist, und in diesem Moment aus all den Filmen zum Leben erwachte. Die Besitzerin war auch noch die crazy cat lady aus den Simpsons.