Mittwoch, 28. August 2013

Music Cities

In der Mitte des Staats Tennessee liegt seine Hauptstadt Nashville, die sich gerne auch als Hauptsstadt der Country-Musik bezeichnet, wobei auch Blues und andere Styles gut vertreten sind. Auf jeden Fall kenne ich keine Stadt, in der sich mehr um die Musik dreht. Wer nicht selbst Musiker ist, der versucht es höchstwahrscheinlich zu sein. Die zahlreichen Honky-Tonks, Musik-Bars und Openairs sind Anziehungspunkt und erhofftes Karrieresprungbrett für unzählige Nachwuchskünstler, wer nicht dort spielen kann versucht es auf der Strasse. Die kreative Stimmung kann dabei auch etwas weniger ausgeprägte Talente zu Performances hinreissen, die an der Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung stattfinden. Die meisten der Gigs sind aber auf einem erstaunlichen Niveau, teilweise treten auch schon voll etablierte Bands gratis auf, was Ausgang und Nightlife zu einem tollen Erlebnis macht. Tagsüber ist deutlich weniger zu sehen, die originalgetreue Replik des Parthenons war den Besuch aber wert, wenn auch schlussendlich vorwiegend wegen dem umgebenden Park.
Die Elvis-Stadt Memphis scheint zumindest in ihrem Zentrum etwas in der Vergangenheit gefangen zu sein. Gebäude zerfallen, kaum Leben ist zu sehen, und die kurze Touristenmeile Beale Street hat mich schnell in die Flucht geschlagen. Vor (m)einem vernichtenderen Urteil bewahrt wurde der Ort durch den Zufallsbesuch im (leeren) Basketballstadion, die sehr enthusiastische Tour in den Sun Studios (munziges legendäres Aufnahmestudio, da waren u.a. Elvis, Johnny Cash, Bono von U2), und das Pilgrim Hostel mitsamt Quartier. Auf Graceland habe ich verzichtet.
Mit den vor dem Greyhound geretteten Peter (Irland) und Christy (England) im Auto bin ich nach New Orleans gefahren, das 2005 von Hurricane Katrina unter Wasser gelegt wurde. Davon ist nicht mehr viel zu sehen, aber - ähnlich wie 9/11 in New York - bleibt es in Bildern und Menschen präsent. Auch hier ist die Musik überall, besonders beeindruckend war ein Improvisations-Gig, bei dem die Musiker ständig wechselten und gegeneinander antraten. Das Museum zum zweiten Weltkrieg ist eines der besten, das ich je gesehen habe, dort hätte ich auch noch länger als die fünf Stunden zubringen können. Der Abstecher zu den Alligatoren im Sumpf brachte eine ersehnte Abwechslung zur Stadt, zwar geführt mit vielen anderen Touris, aber immerhin dank des Naturparks ohne die leiderweise sonst sehr übliche Fütterung mit Marshmallows oder Huhn.

Kategorie unfassbar: sogar Friedhöfe sind befahrbar.

Am meisten Memphis, aber auch Nashville und New Orleans haben den Ruf, gegendlich kriminell verunsichernd zu sein, was mir auch so vorkam und einige ersthändige Geschichten bestätigten. So wurde ein Aussie innert kürzester Zeit sowohl von seinem Portemonnaie als auch seinem Handy (einem hilfreichen Einheimischen geborgt, der darauf einfach das Weite sucht) befreit. Von Gewaltverbrechen hörte ich nur Gerüchte, auf jeden Fall aber lohnt es sich hier, etwas Vorsicht walten zu lassen. 
Als nächstes geht's nach Texas.

Montag, 19. August 2013

Augenzwinkern

Einige Stunden südlich von New Bern liegt die Universitätsstadt Charleston in South Carolina, die mir unter anderem von Scott ausdrücklich ans Herz gelegt wurde, wo sie trotz einer schwierigen Zeit für mich wohl eine Weile bleiben wird. Bei zunächst extrem heissen Bedingungen genoss ich das auffallend häufige Lächeln der Leute, die historischen Gebäude in der Innenstadt, den Strand, Kayakfahren (mit James, Joe, Alvaro, Delphinen und Pelikanen) und ein Hostel, in dem bei einer wechselnden Kundschaft von ca. 25 Leuten sofort jeder mit jedem spricht und eine enge Gemeinschaft entsteht, mit der sogar die lebendige Clubbing-Szene der Stadt Spass gemacht hat. Cheers to the spirited Irish crew;)! Danach wurde meine Sicht auf die "freundlichste Stadt Amerikas" (11 Jahre in Folge) leider durch die sintflutartigen Niederschläge und eine Augenverletzung getrübt. Erstere legte grosse Teile von Charleston unter Wasser, letztere mich lahm. Sie liess mich um 3 Uhr morgens schmerztränend den Notfall aufsuchen, der sowohl hochkompetent (sie weckten sogar den Spezialisten) als auch hochüberteuert (eine Schätzung belief sich auf $800) zu sein scheint. Augenscheinlich der Fähigkeit beraubt, selbst nach Knoxville in Tennessee zu fahren musste ich mich eine Nacht mit einem Feldbett in einen sowieso überfüllten 8er-Schlag zwängen, bevor mich Joe aus England in meinem Auto hinfuhr. In Knoxville konnte mir glücklicherweise meine Cousine Christina helfen, trotz Wochenende augenblicklich einen hervorragenden (und günstigeren) Arzt zu finden, inzwischen habe ich, viele Antibiotika- und Steroiden-Tropfen später, endlich wieder fast den Durchblick. Mit den sehr sportlich veranlagten Christina und Bill war ich ständig entsprechend unterwegs, wir besuchten ein Training des College (nicht Profiliga) Football Teams, dem (laut offiziellen Angaben) unglaubliche 39'000 Zuschauer beiwohnten (Platz haben über 100'000). Total meschugge und alle orange. Als es zu regnen begann sind die meisten geblieben und haben sich einfach unters Vordach verzogen. Ausserdem waren wir ständig Joggen und auch einmal im Gym, wo ich dann vor allem Basketball gespielt habe, zu meiner grossen Freude. Das Niveau war dabei ziemlich hoch und einer der Spieler, kleiner als ich, hat im Match auch eben mal gedunkt - Schuhe etwa bei meinen Ellenbogen.
Die Linsenprobleme haben sich auf die Anzahl (und Schärfe?;) der gemachten Bilder ausgewirkt, das wird sicher auch wieder besser.

Mittwoch, 14. August 2013

Piratenfriedhof

Die Outer Banks sind eine Kette von langezogenen Inseln vor der Küste North Carolinas, nicht viel mehr als Sandbänke, die nicht (nur selten) überflutet werden. Eine gut ausgebaute Strasse, Brücken und zwei Fähren verbinden die Inseln untereinander und mit dem Festland. Die Dünen der Insel Ocracoke haben Piraten (Blackbeard fand hier sein Ende), Schiffbrüchige und ab 1750 auch Siedler aufgenommen, manchmal geben sie ein paar verblichene Überreste wieder frei. Im Restaurant Dajio will niemand die letzten Aufräumarbeiten übernehmen, weil die im Hinterhof begrabene ehemalige Besitzerin des Hauses dann jeweils erscheint. Diese Schauergeschichten spielen in einer schaurig schönen Landschaft von meilenlangen Stränden, die viele Touristen anzieht, für mich aber vor allem anhand von zwei kaltduschenden, abgelegenen Zeltplätzen geglänzt hat. In einem zauberhaften Moment sind im Sonnenaufgang zwei Delphine nahe des Ufers vorbeigeglitten. Einmal etwas über dem Horizont brennt die Sonne hier kräftig, und einmal darunter erscheint ein sternenhimmlisches Spektakel. Beidem begegnet man am Besten mit weggelassenem Aussenzelt. Meine freundlichen Nachbarn E.J. und ihre Tochter Colleen haben mich herzlich und zwerchfelllastig unterhalten, ansonsten bin ich aber auch erstaunlich vielen Campern begegnet, die nicht einmal zurückgrüssen.
Wieder auf dem Festland fühlte ich mich verpflichtet, der Stadt New Bern wenigstens einen kurzen Besuch abzustatten, und dort jedem mitzuteilen, dass ich Berner bin. Begrüsst wurde ich von einem langen Messer im Gras und einer sehr verwirrten älteren Sozialhilfebezügerin. Danach stellte sich New Bern aber mehr und mehr als beschauliche kleine Stadt heraus, in der das Berner Wappen allgegenwärtig ist. Vor lauter Heimatgefühlen habe ich meine Kreditkarte im Restaurant liegen gelassen, sie aber von meinen B&B Gastgebern Sharon und Richard in liebenswürdigster Weise abgeholt und nachgeschickt erhalten.

Mittwoch, 7. August 2013

Chasing Balloons

In Charlottesville, Virginia, habe ich meine Tante Berta besucht, von der ich nur sehr wenige Erinnerungen hatte. Trotz meiner sehr frühzeitigen Planung (Telefon tags zuvor), war sie frecherweise noch zwei Tage weg, ich wurde aber von Scott, der das Anwesen in Schuss hält, sehr liebenswürdig empfangen und im Gästezimmer einquartiert, in dem schon mein Vater, wie dieser mir verraten hat, vor genau 50 Jahren für eine Weile wohnte. Aus einem kurzen "Hi" sagen wurden so schliesslich sechs Tage Aufenthalt, in denen ich half einen Heissluftballon zu jagen (Scott ist Pilot, sehr junge 60, ledig, bringt Geld und Ballon;) und den Flug für die frischverlobten Passagiere in Bildern festzuhalten, viel über die Geschichte der ersten englischen Kolonie und Thomas Jefferson erfuhr (aus Virginia stammen u.a. 4 der ersten 5 US-Präsidenten), den James River auf alten Autopneus (heisst tubing, hat an Laos erinnert) runtergondelte, grosse Freude am Piano entwickelte, die warmen und grillendurchtönten Nächte genoss, mir den Titel Lieblingsneffe mit nachdrücklich demokratisch-liberalen Argumenten verscherzte, den perfekt in die Stimmung passenden Western "The Man Who Shot Liberty Valance" (1962) anschauen durfte. Ganz allgemein bin ich in diesen Tagen einem Haufen guten Leuten begegnet und habe eines meiner Vorurteile gegenüber Amis um die Ohren geknallt erhalten, als eine Kellnerin uns innerhalb von kürzester Zeit ihr ziemlich krasses Leben (3jährige Tochter deren Vater es einmal gesehen hat und sich wie gewünscht fernhält, verdient $2.30 plus Trinkgeld auf die Stunde, hatte zwei Stunden im Restaurant geschlafen und befand sich also mehr oder weniger in einer 24h-Schicht, hilft mit bei der Ernährung der Kinder ihrer Schwester...) auf eine derart offene und immer noch positive Art (augenleuchtende Riesenfreude am Kind) mitgeteilt hat, dass ich nie wieder behaupten möchte, Amerikaner würden sich schwer tun mit tiefgehenden Gesprächen.
Manchmal muss man nicht mal fragen, um Persönliches zu erfahren:

An einer Bar, Musik ist zu laut, Gast hat einen (kaum vorhandenen!) Schweizer Akzent.

Gast (vermisst die gute alte Zeit der Internet-Cafés): "Do you have a key for the wifi?" [Do you have a kid or a wife?]
Bartender (leicht irritiert): "In fact I have two kids and an ex-wife..." [In fact I have two keys, one is ex-wife..."]
Gast (zieht Augenbraue hoch): "ex-wife??"
Bartender (nickt): "Yup."
Gast (beginnt achselzuckend ex-wife als Passwort einzutragen)
Bartender (will's jetzt doch wissen): "Why do you ask?"

 ... Es folgt die Aufklärung des Missverständnisses zur, nur leicht peinlich berührten, Heiterkeit aller Beteiligten.

Freitag, 2. August 2013

Bärenwald

Der Appalachian Trail (AT) ist mit ca. 3500 km der längste ununterbrochene Wanderweg der Erde, etwa 160 davon liegen im Shenandoah National Park. Inzwischen gibt es jedes Jahr ein paar tausend Verrückte, die versuchen den gesamten Trail in einem Zug zu durchlaufen, etwa jedem Vierten gelingt dies, in durchschnittlich 4-5 Monaten. Häufiger sind die section-hikers, die immer wieder zum AT zurückkehren um ein weiteres Stück zu absolvieren. Meistens übernachten die Wanderer in freier Wildbahn zeltend oder in rauhen Holzunterständen. Ed, 63 aus Kentucky, hatte in zwei Tagen 20 Meilen auf dem AT zurückgelegt, dann wurde er von einem Magenvirus flachgelegt. Er hat mir versichert, dies sei sein letzter Anlauf gewesen, er sei zu alt und der Trail zu streng und die Luft zu feucht. Eine Rangerin hat mir später eröffnet, im Moment grassiere ein hochansteckender Norovirus unter den AT Hikern, man solle am besten jeden Kontakt vermeiden. Damit konfrontiert, dass ich sogar einen Höflichkeits-Cracker von einem Solchigen gegessen hatte, schien ihr Blick und das "Oh"  mir bestenfalls marginale Überlebenschancen einzuräumen - ich bin aber davongekommen.
Wer mehr über den AT wissen oder ganz einfach nur ein witziges Buch lesen möchte, dem sei "A Walk in the Woods" von Bill Bryson wärmstens empfohlen, mir hat es Dävu mitgegeben. Es enthält auch ein Kapitel über Schwarzbären, das ich versucht habe zu vergessen. Der Shenandoah N.P. hat, laut Bryson und also 1997, weltweit die höchste Dichte an Schwarzbären, mit etwa einem pro Quadratmeile. Nun bin ich relativ sicher, dass sich die Viecher seither mit nicht viel anderem beschäftigt haben als sich zu vervielfachen. Schon bevor ich beim Zeltplatz ankam habe ich Mamabär mit zwei Jungen gesehen. Auch wenn der Schwarzbär einiges ungefährlicher ist als etwa der Grizzly und von 2000-2010 in Nordamerika nur gerade 16 Fälle von Angriffen mit tödlichem Ausgang bekannt sind, lasst mich versichern, ist das Tier aus der Nähe und ohne Zaun dazwischen angsteinflössend genug. Oder wie es Bryson auf den Punkt bringt - ein tödlicher Angriff reicht. Die erste Nacht im Zelt habe ich auch schon ruhiger geschlafen. Am nächsten Tag ging ich laufen, natürlich durch den Wald (die "Berge" hier sind rollende, vollkommen bewaldete Hügel, etwa 1000m hoch, und die "spectacular views" verstärken mein Alpenheimweh), der aber abgesehen von seiner Unaufhörlich- und (zumindest für Botanik-Laien) Gleichförmigkeit wirklich zaubervoll ist und jede Menge Bären, halbzahme Rehe, Eichhörnchen, Streifenhörnchen (Ahörnchen bis Zhörnchen), Vögel (u.a. Adler) und Myriaden von grossen Schmetterlingen beherbergt. Auf halbem Weg wurde mir bewusst, dass sich der Pfad mit seinen moderaten Anstiegen prima für trail running eignet, was dann auch den Vorteil hatte, dass ich schon am rennen wäre beim nächsten Bär (ach nein, davonlaufen sollte man ja gerade nicht). Den habe ich aber erst am nächsten Tag gesehen, ca. sieben Meter unter mir, als ich lesend auf einem Felsvorsprung nahe des AT sass. Ich war mir zu 90% sicher, dass er meine sonnenangeröstete Wenigkeit nicht verspeisen wollte, aber noch sicherer wollte ich nicht darauf warten bis ich Unrecht habe und mich zwischen Bär und Abgrund entscheiden muss (nähm doch den Bär). Hab also noch vergeblich versucht ein Foto zu machen, und bin dann abgezischt. Eine Stunde später, Knie wieder stabil, bin ich schon wieder fast in einen Bär reingelaufen, nach kurzem Anstarren ist er aber mitsamt Jungem umgedreht und hinter der Kuppe verschwunden. Supersache für mich. Gibt nichts Besseres um dir die Angst zu nehmen, als wenn die Angstquelle Angst vor dir zeigt. Ging mir mit Schlange, Hai und meiner ersten Freundin auch schon so.