Donnerstag, 19. Dezember 2013

Salt water in my boots

Die Cyclone Season startet in Neukaledonien offiziell am 1.Dezember, ein ominöses Datum um den Anker zu lichten. Ich erwachte am Morgen mit einigen bedenklichen Gedanken. Dan hatte mir am Vortag klar gemacht, dass über Bord zu gehen auf hoher See fast nur Nachteile bringt. Die Worte vom norwegischen Andreas hatten dagegen beruhigende Wirkung, er meinte er sei während der gesamten Pazifik Überquerung nie auch nur nahe dran gewesen vom Boot zu fallen, und genau so fühlt es sich nach einer Weile an, die Chance dafür ist auch bei hohem Seegang deutlich kleiner als man anfangs befürchten könnte. Fürs Pinkeln vom Heck band ich mich aber anfangs trotzdem immer an der Lifeline an.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich im Umgang mit der Red Sky Night einigermassen befähigt fühlte. Dabei hilft auch nicht, dass die Segler, gleich den Franzosen, für alles ein eigenes Wort haben müssen. Captain Dan war zudem nicht scheu wenn's darum ging, mit diesen Termen um sich zu schmeissen.
Ein kurzer Auszug, leicht verständliche weggelassen: halyard, lanyard, vang, preventer, cleat, winch, beam, boom, dhingy, fender, spreader, lazyjacks, tack, reef, furl, jibe, trim, heel, mainsheet, spinnaker, bilge, aft, stern
Und noch meine Favoriten, die Sinnverdrehten: painter (Fangleine), helm (Steuer), head (Klo), galley (Kombüse, Küche), bow (Bug), port (Backbord, links).

Das ging dann etwa so:
Me: "How do I put a reef in the mainsail?"
Dan: "Steer thirty degrees into the wind, ease the mainsheet and the preventer, release the halyard to the first reef mark, put the ring in the reef hook, tighten the halyard, pull the reef line tight watching for entanglement, if necessary bring the boom in to untangle, fasten the preventer on the starboard toe-rail just in front of the cleat, take the helm and bring the boat back on course." Und schaut dich an, als ob damit alles klar ist. Seine déformation professionelle machte er aber mit erstaunlicher Geduld und Gelassenheit wett.

Stärkster Eindruck der Überquerung war ganz klar, dass wir auf einem Wasserplaneten leben. Eine ganze Woche lang war weder Land, noch ein Schiff, noch irgend etwas anderes am Horizont zu sehen, nur blaues Meer. Einzig ein paar Vögel und Fische boten etwas Abwechslung, aber selbst die schienen einsam und verloren in dieser riesigen Wasserwüste. Ab einem Wellengang von etwa vier Metern nimmt das Meer die Formen einer Landschaft an, Hügel, Berge, Täler rollen vorbei und mulmen den Magen. Ohne mich je wirklich schlecht zu fühlen hatte ich mich dreimal übergeben (nachdem Dan vorgemacht hatte wie's geht, Seekrankheit geht nie ganz weg), bevor ich mich von den gut wirkenden Tabletten überzeugen liess.

In der Nacht wechselten wir uns in 4-Stunden Wachen ab, das hiess jede Viertelstunde Kurs, Horizont und (falls laufend) Motor kontrollieren, dazwischen Sternenhimmel; die fantastische Bioluminiszenz ums Boot, Sonnenauf- und Untergang oder einen Star Wars Film betrachten.

Die Mahlzeiten fielen erstaunlich üppig aus, auch dank eines am ersten Tag gefangenen Wahoo, mit dem beweglichen Herd kann man selbst bei rauher See noch kochen. 

Im total freundlichen Brisbane anzukommen war erleichternd und ernüchternd zugleich, genauso wie das Leben auf dem Boot gleichzeitig einengend und frei ist. Vadim und ich entschieden uns, noch eine Weile auf der Red Sky Night zu bleiben, einige Tagen vor Anker im Brisbane River, danach auf Tour durch die Insel- und Sumpflandschaft der Gold Coast Region, wo wir Silvie aus Brig aufluden, die schon in Tonga mit Dan und den Norwegern gesegelt war. Sie wohnt momentan in Byron Bay, was mich veranlasste zu fragen, ob sie Sara kennt, der ich in Fiji begegnet bin -- sie wohnen zusammen; kleine Welt.

South Stradbroke Island war ein einziges feuriges, sandiges, schlammschlachtiges, purzelbäumiges, gitarrensingendes Highlight, mit einem Strand der vielleicht weniger beschaulich und hübsch ist als auf den Pazifikinseln, aber so viel beeindruckender in seiner Gewaltigkeit - hier wollte ich hin. 

Alles hat ein Ende, nur das Boot hat zwei, inzwischen übernachte ich wieder auf festem Boden in Brisbane, und suche nach einem Auto, das mich bis nach Perth bringt, eine ähnliche Distanz wie mein Trip durch die USA, was für eine Freude. Wenn ich nur mehr Zeit hätte. 

Gedanken zu den Bildern und Videos: Nehmt mir die Colaflasche nicht übel. Eine bessere Videoauflösung musste ich leider der Grössenbeschränkung opfern. Meine Sarong-Bandana diente selbstverständlich in erster Linie der Haarbändigung und erst in zweiter dem Piraten-Mimikry.

Der leidenschaftliche Segler Scott (s. Charlottesville), als er von Bonnie (s. Bozeman) hörte, dass ich mich jetzt Matrose nenne, leicht skeptisch: "so he's got salt water in his boots now..." :). Wie dem auch sei, das Segeln war ein Riesenerlebnis und fehlt mir schon jetzt.
 

Samstag, 30. November 2013

Grosse Erde, Kleine Welt

Die Umrundung der Grande Terre, mit 16'372 km2 etwas kleiner als halb so gross der Schweiz und damit (glaube ich) die grösste Insel im Pazifik nach Neuseeland, hat Spass gemacht, die Freiheit von Auto, Zelt und Self-Catering tat mir gut. Kurz unterbrochen wurde die Freude, als ich für zwei Nächte wegen viel Regen ein Dach über dem Kopf suchte. Eine Suche, welche meine kleineren touristischen Probleme mit Neukaledonien (ein paar Bilder hinzugefügt) gut illustriert:

1. Wahl: geschlossen, für ein Jahr Renovierung
2. Wahl: Nur mit 4wd erreichbar
3. Wahl: dito
4. Wahl: Muss mindestens 3 Tage im Voraus reserviert werden
5. Wahl: Bei Regen nur mit 4wd erreichbar (es wird regnen)
6. Wahl: Ausgebucht (inzwischen hat sich der Suchradius schon deutlich vergrössert)
7. Wahl: Graben für WCs muss neu ausgehoben werden (während dem Regenwetter? Sicher?)
8. Wahl: Keine Antwort, dann besetzt, dann keine Antwort, dann keine Ahnung ob Platz vorhanden, da er gerade auswärts ist, solle morgen anrufen.
8. Wahl (nächster Morgen): Keine Antwort, dann Meldung, das Telefon sei ausser Funkreichweite.
8. Wahl (bin inzwischen vor Ort): Treffe den Eigentümer an, beim Putzen eines der Bungalows. Ich solle um vier Uhr (es ist elf) wieder kommen, der Raum sei noch nicht fertig, aber schon jetzt bezahlen wenn's geht. Will mir das einzige zurückgesetzte Bungalow ohne Aussicht andrehen, auf insistierende Rückfrage ist kein anderes schon besetzt und sie sind sogar sofort bezugsfertig...
Etwas später, nach Hike und Schnorcheln und genereller Zustimmung zur Umgebung frage ich, ob ich auch die nächste Nacht bleiben kann. Leider ausgebucht. Great, here we go again...

Das Autofahren hier war eine der gefährlicheren Unternehmungen bisher, 110 auf Strassen, die teilweise nicht mal eine Mittellinie haben, viele Einheimische fahren und vor allem überholen wie die Berserker. Ehm, schlechter Vergleich, ihr wisst was ich meine. Etwa eine Viertelstunde nachdem ich aus Noumea losgefahren war (mit einem Gefährt, das ich im Kofferraum meines USA-Autos hätte verstauen können, aber es lebe die Gangschaltung!), schubste mich einer der Verrückten gleich zweimal fast von der Strasse, einmal beim Überholen, dann beim Zurückkommen, inzwischen auf wilder Flucht vor dem Polizeiauto dahinter. 

And last but far from least, in einer Last Second Aktion ist die Segelüberfahrt doch noch zur Realität geworden, was mich extrem freut. Die einzige Antwort auf meinen Aushang, am Tag vor meinem Flug, kam vom 36jährigen Aussie Daniel, mit ihm, dem Ukrainokanadier Vadim und einem schätzungsweise 10m Segelboot fahre ich morgen ab Richtung Brisbane, ankommen sollten wir in etwa einer Woche. Das Immigration Office war eigentlich längst geschlossen, und 10 Minuten bevor nicht einmal mehr guter Wille geholfen hätte weil alle im Wochenende sind, konnte ich meinen Pass vorzeigen, ansonsten hätte dieses Boot wohl doch noch ohne mich abgelegt. Der Flug ist entschädigungslos gestrichen, ich habe zusätzliche Auslagen, weniger Zeit in Australien, doch das ist es eindeutig alles wert. 

Die Segler scheinen sich untereinander alle schon von irgendwoher zu kennen, treffen sich nach einer Passage häufig wieder, und helfen sich auch mal mit Crew aus falls nötig. Zwei Kapitäne solcher Buddy Boats waren mit uns unterwegs zur Immigration, einer davon Norweger.

Me: "Did you meet any other norwegian sailors?"
Andreas: "Yeah, lots!"
Me: "Do you know someone of the name of Mia Malvær?" (in Vanuatu getroffen, die mit dem Löffel, Email verloren)
Andreas (short pause, then in a toneless voice): "That's my sister, she's on my boat."

Ein grosser kleine Welt Moment.

Ich habe angefangen, norwegisch zu lernen,
das kam so: Ich traf Mia, einen anderen Norweger, las per Zufall ein Buch des norwegischen Autors Jo Nesbø, wollte ein weiteres von ihm lesen und hatte schon die Idee es in norwegisch zu versuchen, und fand absolut unfassbarerweise in einem Book Exchange im Harbour Office von Noumea (ca. 120 Bücher) das norwegische Exemplar eines seiner Romane - eindeutige Sache, ausserdem fand ich keinen guten Grund dagegen. Meine ersten Versuche zur Kommunikation in Norsk wurden von der norwegischen Crew hingegen mit blanken Gesichtsausdrücken abgeschmettert.

Mittwoch, 20. November 2013

Pinien

Nicht nur die Namensverbindung zu Schottland hat mich nach Neukaledonien gezogen, auch die Bilder von weissen Stränden an türkiser (World Heritage) Lagune taten das Ihrige. Speziell die Île des Pins ist auch wirklich ein schönes Stück Erde, was sich aber auch schon herumgesprochen hat, entsprechend hoch der Influx von Touristen. Viele davon kommen aber bloss für eine Tagestour, mit der Fähre oder vom Kreuzfahrtschiff, davor und danach kehrt mehr Ruhe ein.
Während die Sicht unter Wasser und die Korallenbilanz deutlich getrübter sind als in Fiji und Vanuatu, gibt es - weiter entfernt von den Lobotomisten, die immer noch nicht gehört haben dass man Korallen nicht anfasst - noch schöne Plätze, an denen ich endlich auch Seeschlangen, Schildkröten, Stachelrochen und einen Hai sehen konnte.

Im nächsten Jahr wird über eine mögliche Unabhängigkeit von Frankreich abgestimmt, was aber wahrscheinlich nicht viel daran ändern würde, dass man neben den in Klans organisierten Kanaken (44% der Bevölkerung) fast ausschliesslich Franzosen antrifft, viele davon auf der Suche nach (besser bezahlter) Arbeit. Für mich ergab sich daraus eine sehr konsequente, nicht unwillkommene Pause vom Englischen. Der Reisespass darf hier ohne Französisch nicht mal mit einreisen, habe ich gehört.
Das Preisniveau ist selbst ohne Höhenangst und mit Schweizer Gipfelerfahrung ein bisschen schwindelerregend, dank Zelt und Dosenfood blieb mein Budget aber auf festem Boden. 

Neukaledonien ist äusserlich moderner als seine Nachbarländer, das Organisieren der Reise paradoxerweise aber eher schwerer. Neben einem chronischen Unterangebot an Unterkunft und fahrenden Untersätzen scheitert vieles an einer wahlweise entspannten oder faulen "j'm'en fous" Mentalität, die Telefone und Mails manchmal tagelang oder gänzlich unbeantwortet lässt. Auf der Île des Pins müsste man, könnte man neben dem Food auch die Rechnung verdauen, Restaurants spätestens am Morgen reservieren. Der grandiose Zeltplatz an der Baie des Rouleaux, gerade abgelegen genug um dem Touristentrubel weitgehend zu entgehen und sich einen Bruch zu holen beim Hintragen von 30kg Gepäck, liess mir mangelnde Spontanität aber schnell akzeptabel erscheinen.

Nach einer unerfreulichen Episode mit meinen Flugtickets in Verbindung mit einer unfähigen Reiseagentin habe ich inzwischen den Plan aufgegeben eine Woche früher nach Australien zu fliegen, hingegen besteht noch die Hoffnung, dass mein Matrosen-Inserat am Hafen eine Segelüberfahrt aufwassert. Ansonsten werde ich die Woche dazu nutzen, mit einem Mietauto um die Hauptinsel zu fahren.

Donnerstag, 7. November 2013

Mars

Über die Jahre hat der aktive Vulkan Mount Yasur in der umliegenden Landschaft eine teilweise meterdicke schwarze Aschesandtonschicht gelegt, er donnert unablässig, blitzt manchmal, setzt gelbgrauschwarze Wolken in den Himmel, erschüttert die Erde. Und in der Nacht sieht man weithin, wie aus dem roten Glühen Lavabrocken in die Höhe steigen, ein Ehrfurcht gebietendes Feuerwerk der Natur. In den umliegenden Dörfern gilt das erste Gebet Yasur, danach der Reihe nach dem John Frum Kult (ich versteh's immer noch nicht ganz, erkläre es also lieber nicht), dem Dorfchief und schliesslich Jesus. Wenn man dem Vulkangott nur zuhöre, dann erzähle er einem Geschichten, vertraut mir der 81jährige Urgrossvater David an. Dieser mystische Medizinmann (sein höchstangepriesener Zaubertrank hilft der Maschine beim Familie gründen, seine Frau nickt verschmitzt) trägt ein T-Shirt, aber seine Heilkräfte werden durch seine Vitalität fast glaubhaft, was er mit zerdrückendem Händedruck zu untermauern sucht. Natürlich war ich erst beim Verabschieden darauf vorbereitet, das folgende wunderbar absurd kindische Kräftemessen endete Unentschieden und in einem Riesengelächter aller Anwesenden.
Ich wurde auf der Vulkaninsel Tanna vom sehr sonnigen Gemüt des Australophilippino David (noch einer) begleitet, seinen heiteren Witzen konnte ich nur mit dem humoristischen Gegenstück des Miesepeters begegnen. Wir waren ständig mit den Kiddies Thelma und Stanley unterwegs, zum Schwimmen im Fluss, hinauf auf den Kraterrand, zum Volleyball spielen und auf Besuch bei der Verwandtschaft (auf meinen Wunsch hin). Zudem liess ich mich zu einer Dorfbesichtigungstour überreden, was sich gnadenreich als reines Theaterstück (Tanz, Feuermachen, Zaubertrick) ausserhalb des Dorfes vor grandioser Vulkankulisse herausstellte. Die Kids meinten, es sei üblich mitzutanzen, was uns dank einfacher Choreografie und der sehr unaufdringlichen Art auch nicht schwerfiel und sogar Spass machte. Es gibt auf der Insel tatsächlich noch einige Dörfer, die komplett traditionell leben und die Strohröcke oder Nambas nicht für die Touris tragen, ich hoffe die meisten davon bleiben noch lange unzugänglich.
Zurück auf der westlichen Seite der Insel schnorchelte ich zum ersten Mal in einem Blue Hole (#2, unterhalb der Rocky Ridge Bungalows), das sind Vertiefungen im Riff, die wie Räume eines korallenverzierten Schlosses anmuten, für mich hinter dem Ningaloo Reef in Westaustralien bisher die zweitbeeindruckendste Unterwasserwelt.

Kaum zurück im Hauptquartier (Janelle und Jack's tolles Traveller's Budget Motel in Port Vila) hat sich der nächste Plan ergeben, und ich fuhr mit der Deutschen Carolin auf die Insel Lelepa, wo wir inmitten des Dorfs als einzige Touristen in einem alten Haus mit immer noch hängenden Familienfotos bleiben konnten, das ermöglichte einen ziemlich unverfälschten Einblick in das Dorfleben, welches wegen der besseren Versorgungslage ein wenig komfortabler ist als auf Tanna.

Zum Abschluss habe ich noch ordentlich Geld liegen lassen für eine schon lange beäugte Katamarantour, die ein paar super Schnorchelspots wie den Paul's Rock ansteuert. Es ist ein kleines Versäumnis, dass ich mich nicht stärker um eine Segelüberfahrt als Deckhand zum Beispiel nach Australien bemüht habe, das wäre durchaus ein machbares Projekt gewesen, eine günstige Art zu reisen und ein Abenteuer.

Als nächstes geht's nach Neukaledonien, das glaube ich noch einmal komplett verschieden ist von Fiji oder dem äusserst sympathischen, freundlichen, entspannten, noch am touristischen Anfang stehende Vanuatu.

Samstag, 26. Oktober 2013

Le grand bleu

Sorry für die längere Pause, Internet hat hier zwei Hinkefüsse.

Während den drei Monaten USA bin ich kaum dazu gekommen zu lesen, die Tage haben sich allesamt sonst gefüllt. Umso mehr freute ich mich auf die Strandliegelesezeit auf südpazifischen Inseln, drei Bücher hatte ich auf meinen liebgewonnenen Kindle geladen, den ich im Flugzeug liegen liess. Porca miseria. Sehr wahrscheinlich wurde er vom Putzpersonal gefunden, zurückgegeben aber leider nicht.

Nach diesem grandiosen Fehlstart konnte Fiji eigentlich nur noch besser werden, einen weiteren Flug, eine Auto- und Bootfahrt entfernt bot die Insel Qamea mit ihrer Abgeschiedenheit eine gute Gelegenheit um mich zu beruhigen - spätestens im Meer hatte ich dann alles von elektronischen Geräten vergessen. Das Riff vor dem Maqai Beach fällt stellenweise senkrecht ab in die tiefblaue Tiefe, für einmal bleibt das Hinausgleiten über die Klippe nicht den oft beniedenen Möwen vorbehalten, ein pulsbeschleunigendes schwebendes Erlebnis, auch noch viele Wiederholungen später.

Das Resort, bestehend aus einfachen Bure (Bungalows, eigentlich traditionelle Hütten aus Holz und Stroh, diese benutzten auch Zeltmaterial) und einem grösseren Hauptgebäude, liegt direkt zwischen Strand und dichtem Dschungel, und muss für die gesamte Verpflegung sorgen (was recht gut gelingt), da weder Restaurant noch Laden, oder irgend ein anderes Gebäude in der Nähe ist. Nach der riesigen Freiheit in den Staaten fühlte es sich für mich etwas eingrenzend an, bei allem so stark auf Andere angewiesen zu sein und meinen Aktionsradius drastisch verkleinert zu sehen. Trotzdem ein sehr sympathischer Ort, an dem man schnell alle Gäste (die Anzahl reduzierte sich während meines Aufenthalts von anfänglich 14 auf 3, ohne dass Kannibalismus involviert war) und auch das Personal kennenlernt.
Auf der Insel Waya bin ich in einem Resort untergekommen, das nicht nur für Backpackers sondern auch für besser zahlende Kundschaft catert, was einen interessanten, wahrscheinlich ziemlich einzigartigen und erstaunlich gut funktionierenden Mix erzeugt. Nach einem ansprechenden Probetauchgang entschied ich mich, hier den längst fälligen Open Water Diver zu machen. Ich glaube eher nicht, dass ich den Schein oft brauchen werde - Schnorcheln ist einfach freier, schneller, unabhängiger, sportlicher, billiger, natürlicher - trotzdem von Vorteil, ab jetzt die Möglichkeit offen zu haben. Auch zu erstmaligem Yoga in meinem Leben liess ich mich hinreissen, und war dabei nahe an einer Endorphinüberdosis - zu lange kein Sport wahrscheinlich.

Die Kultur der indogenen Fijians, die Englisch als Zweitsprache besitzen und in einem sehr gespannten Verhältnissen mit den beinahe gleich zahlreichen indischstammigen Fijians leben, ist traditionell sehr stark auf die Dorf- und Familien-Gemeinschaft ausgerichtet aber auch sehr patriarchalisch. Ich habe den Eindruck, der Tourismus und einziehende Materialismus bringt auch hier viel aus den Fugen. Familien kapseln sich stärker von ihrer Grossfamilie ab um keinen finanziellen Beitrag leisten zu müssen, damit sie ihre Kinder auf bessere Schulen schicken können. Mit mehr finanziellen Mitteln werden individuelle Besitztümer häufiger, damit steigt der Neid und sinkt das Gemeinschaftsdenken. Während durchaus viel echte Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Glück trotz/wegen einfachem Lebensstil vorhanden ist, zum Beispiel beim rituellen Sozialisieren um die Kava-Schüssel (leicht sedierendes Getränk aus Wasser und einer Wurzel - schmeckt wie aus einer Pfütze; für Kava und Zigaretten wird viel Geld ausgegeben), spürt man genauso oft eine unterliegende Unzufriedenheit oder gar verborgenen Groll. Ein Fijianer, der zuhause Frau und Kind herumkommandiert (was mir verschiedentlich als eher der Normalfall beschrieben wurde), wird wohl eher selten einen Ausländer in einem Restaurant mit Freude bedienen. Ich tue mich auch mit anderen Facetten der Kultur schwer, neben Offensichtlichem wie de facto geduldeter häuslicher Gewalt etwa mit überspielter Heiterkeit, die oft am stärksten ist wenn sich jemand ungeschickt anstellt (zu sehen z.B. bei Volleyball oder Darbietungen während einer Geburtstagsparty). Gerade auf Waya kam dazu auch der Zirkus für die Touris (jede Woche Dorfbesichtigungen, Fiji-Night mit traditionellen Tänzen die in pure Resort-Animationen ausarten), was ganz einfach künstlich wirkt, wenn man wirklich hinschaut, sich aber hinter dem Schutzschild der kulturellen Erfahrung effektiv vor zu grosser Skeptik versteckt. Es sind solche Gegensätze und Vordergründigkeiten, die mich für diesen Trip dazu veranlasst haben, mehr Zeit in Ländern wie der USA und Australien zu verbringen, wo der kulturelle und ökonomische Graben zu den Einheimischen deutlich kleiner ist und ich mich mehr entspanne. Dass ich in Fiji dennoch eine sehr gute Zeit hatte lag vor allem an der ohne Ende faszinierenden Unterwasserwelt und an besonderen Menschen - Nithya, David & Aisling, Jörg & Andrea, Sara, Jo, Clare, Emma - die ich am letzten Tag fantastischerweise fast alle per Zufall nochmal traf. 

Seit heute bin ich in Vanuatu, was mir bisher viel mehr zusagt als Fiji, alles schien echter, bis auf dem Markt von Port Vila in einem sehr surrealen Moment plötzlich Didier Burkhalter mit Delegation an mir vorbeilief, blitzblanke Aufmachung umgeben von viel nicht ganz so sauberem Erdigem, ich musste mich darauf fast als Schweizer outen und Hallo sagen. Ist um einiges spannender, einem Bundesrat eine halbe Welt entfernt als in Bern zu begegnen.

Another instant classic of a misunderstanding:
Me (digustedly): "Centipede in the sink!"
Adam (frowning): "Who's Centi?"

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Bäumig

Plötzlich bin ich auf dem letzten Abschnitt unterwegs, vom Studentensstädtchen San Luis Obispo nach Los Angeles. Mit jeder Meile des Roadtrips ist das Freiheits- und Glücksgefühl stärker geworden, und in diesem Moment wünsche ich mir sehr, einfach weiter zu fahren, umzudrehen und eine andere Route zurück zum Atlantik zu suchen, herauszufinden wo sich all die fetten und ungehobelten Texaner versteckt halten, all die Orte abzuklappern, von denen ich nur gehört anstatt sie gesehen zu haben, und diejenigen ein zweites Mal zu besuchen, die mir ans Herz gewachsen sind. Bestimmt ist zuhause in der Schweiz die Zeit etwas schneller ins Land gegangen, und es muss übertrieben klingen, nach so kurzer Zeit schon nostalgisch zu werden. Die Anzahl der Eindrücke, hervorgerufen durch die Verschiedenartigkeit der Menschen und Landschaften könnten aber einer kleinen Weltreise entsprungen sein. Ich bringe als Folge davon auch nicht mehr ganz den gleichen Zynismus auf, wenn ich Amerikaner treffe, die kaum etwas ausserhalb ihres eigenen Landes kennen.
Für die Szenerie der Westküste wurde ich nie ganz warm. Zuerst zu viel Regen, danach zu viel verzworggeltes Gebüsch und karge Steinhänge, meistens ein hängender Dunst über dem Meer und viel treibendes Seegras darin, zu viel Strasse im Blick. Die Fahrt, sehr oft mit offenem Blick auf den Ozean, war natürlich dennoch ein Vergnügen. Für das absolute Highlight sorgten aber Wälder in der Nähe von Arcata, die Redwoods, die früher den gesamten Landstrich bedeckten und heute mit über 100 Metern die höchsten Bäume der Welt beherbergen, sie sind bis zu 2000 Jahre alt. Der Wald strahlt eine majestätische Ruhe aus, er wird mit etwas Phantasie zu einer wahren Feenlandschaft, in der man sich schon mal zum tree hugging hinreissen lassen kann, umso mehr wenn Meredith (Aussie) offensichtlich viel Spass dabei hat.
Die schönsten Momente am Meer waren ganz eindeutig die Sonnenuntergänge, der spektakulärste davon in Morro Bay hat mich sogar stark an Broome und den Cable Beach erinnert (dazu mehr in etwa drei Monaten:).
In San Francisco fand im Golden Gate Park gerade ein dreitägiges gratis Musik-Festival statt, an dem jährlich etwa 750'000 Leute an- und mittanzen. Hier scheint der friedliche Hippie Geist von Woodstock (wie ich ihn mir vorstelle) im goldenen Abendlicht und der staubaufgewirbelten, von Marihuana geschwängerten, musikdurchströmten Luft noch lebendig. Die freigeistige, erfinderische, kreative, hügelige, höfliche, leider von viel Obdachlosigkeit betroffene Grosstadt schien mir auf den ersten Blick - im Gegensatz etwa zu Manhattan - ein Ort, an dem ich leben könnte.

Nun sitze ich in der Lobby eines Hostels in Santa Monica, Hollywood und Downtown L.A. habe ich mir geschenkt, und fliege in einigen Stunden Richtung Fiji, bleibe aber nicht auf der Hauptinsel sondern fliege weiter in Richtung des richtig abgelegenen Maqai Beach auf der Insel Qamea. Der elfte Oktober wird im Flugzeug übersprungen.


Freitag, 4. Oktober 2013

Wild West

Nach den vielen Nationalparks war es ein grosser Segen, bei Scott's Freundin Bonnie und ihrer Familie in einer realeren Umgebung mit liebenswürdiger Selbstverständlichkeit aufgenommen zu werden und ein wenig herunter zu schalten. Mit den Pferden von Lawrence (Bonnie's Bruder) und Kathy konnten wir einen Ausritt in Montana's Bergen unternehmen, was ganz bestimmt eines der Highlights dieses Trips bleiben wird, dank den lieben, lustigen und sehr schlauen Einheimischen, dem komfortablen, unfassbar folgsamen und gutmütigen Pferd (Tennessee Walker, hat einen speziell schnellen und glatten Gang und reagiert auf neck reining - leichtestes am Hals Anlegen der Zügel lenkt das Pferd), und sogar das Wetter passte für einmal ins Bild. Aus ein bis zwei Tagen Vorbeischauen wurden vier entspannte Tage Ferien von den Ferien, bevor ich mich wieder auf den Stahlgaul schwang und den letzten Abschnitt zum pazifischen Ozean unter die Räder nahm. Zum ersten Mal auf dem Trip sah ich dabei Hitchhiker (an der Westküste später häufig), die ich mitsamt ihrem Basilikumstrauch nach Seattle mitnahm. Dort wurde mir bewusst, dass die letzte grössere Stadt Austin in Texas gewesen war, und im Feierabendstau stehen schien mir das passend urbane Ankunftsritual. Seattle präsentierte sich ab dem zweiten Tag stereotypisch regnerisch und fühlte sich für mich fast europäisch an, vielleicht wegen der für die USA eher ungewohnten Hanglage. Ein Teil der Stadt wurde nach wiederholten unappetitlichlichen Abwasserkatastrophen künstlich erhöht, was die ersten Stockwerke der umliegenden Gebäude in ein Untergrundquartier verwandelte, in den inzwischen verlassenen Gängen laufen aber nur noch Touristen rum. Bilder von Bozeman und Seattle.
Von Oregon sah ich wegen konstanter Regenwand nicht allzu viel und die Gegend bleibt mir höchstens für das sympathische Hostel in Seaside in Erinnerung, in dem eine Gruppe sehr internationaler Austauschschüler für Unterhaltung sorgten, ich vom Koch der Portland Trailblazers (Basketballteam) bekocht wurde und ein sehr engagierender kalifornischer Surfer mich wie in schlechten Filmen mit jedem zweiten Wort als Dude betitelte. Erstaunlich häufig wird man hier übrigens mit Sir angesprochen, das ein bisschen die nicht existente Höflichkeitsform zu ersetzen scheint. 
Inzwischen bin ich bereits in San Francisco angekommen, der Bericht zu Kalifornien sollte bald folgen.

Donnerstag, 26. September 2013

Bugling Elks



Nach einem weiten Sprung nordwärts in den Grand Teton Nationalpark, habe ich am Fusse von richtigen Bergen endlich wieder mein Zelt aufgeschlagen, in der Überzeugung dem Wüsten Wetter entronnen zu sein. Fünf Minuten später fielen krachend zentimetergrosse Hagelkörner, die aber zum Glück sowohl Auto als auch Zelt hail liessen. Nach einer kalten Nacht voller Niederschlag fiel mein erster Blick auf plötzlich weisse Berggipfel, denen ich in einer langen, ständig (gemässigter) verhagelten aber trotzdem genossenen Wanderung zum Lake Solitude etwas näher kam. Der Yellowstone Nationalpark liegt direkt anschliessend nördlich, an meinem ersten Tag dort konnte ich allerdings nicht mehr viel unternehmen, nachdem ich ausserhalb des Parks eine Avis-Vertretung aufsuchen und zweieinhalb Stunden rumstürmen und zuwarten musste, damit sie ihre internen Probleme ausräumen und den Beschlagnahmungsbefehl für das Auto zurückziehen - eine Katastrophe. Ihr Werbespruch "We're number 2, we try harder" gehört mit "... and still fail miserably" beendet.
Die erste Nacht in Yellowstone war nicht kalt sondern gefroren, wie mein Zelt, und zum ersten und hoffentlich einzigen Mal auf diesem Trip war mein Schlafsack so richtig gefordert. Die folgenden zwei Schönwettertage im Nationalpark Nummer 1 der Welt, der auf einem aktiven Supervulkan sitzt und weltweit die Hälfte aller geothermischen Features (Merkmale? Ausprägungen?) beherbergt, brachten dann aber die farbenfrohe Umgebung des Parks ernsthaft zur Geltung. Angestachelt von Philippe's erfolgreichem Jungfraumarathon war ich auf dem einen Hike 40km unterwegs, einen grossen Teil davon so weit im Backcountry, dass ich keinen einzigen Fussabdruck (dafür aber haufenweise Tierspuren) fand. Mein Bärspray war in diesem Moment von unschätzbarem Wert für meine Nerven. Zudem habe ich mich jeweils angekündigt, wenn die Bäume dichter wurden und ich gegen den Wind lief (Rätsel: what does the fox say? ;). Die Nächte in Yellowstone werden in dieser Jahreszeit mystifiziert durch das markdurchdringende melancholische bugling der Wapitis (hier: Elk), was etwa wie das Öffnen des Tors zu einem Geisterschloss klingt.

Eine Bitte in eigener Sache: Ich habe mich auf den langen Strassen Amerikas so langsam durch meine Musikbibliothek gehört, wer also etwas zum Soundtrack meiner Reise beitragen möchte, ich würde mich sehr freuen über neue Musik (am liebsten alle Tracks des Albums, aber einzelne mp3's sind natürlich auch willkommen). Ich habe einen Ordner in meiner Dropbox dafür eingerichtet - oder per Mail. Merci tuusig!


Mittwoch, 18. September 2013

Roti Chempe

Den nächsten roten Felsen male ich hellgrün an. Irgendwann kriegt man genug davon, und auch von Menschenmassen, der ständigen Gewitterdrohung und Nationalparks könnte ich eine kurze Pause gebrauchen. Nicht dass die Parks nicht zurecht dort sind, wo sie sind, und gerade Bryce ist wirklich ein Stück Landschaft von einem anderen Planeten. Aber die Trails sind grösstenteils derart breit, gut ausgebaut, beschildert, frequentiert, dass man ständig an die Annexion durch die Zivilisation erinnert wird, ein Stück der wundersamen Natur bleibt dahinter unweigerlich verborgen. Der Hike in Zion war trotzdem ein Erlebnis für sich, der senkrechte Abgrund auf beiden Seiten adrenalinschiebend, der Gipfel mit dem Namen Angel's Landing rundumsichtig und von Streifenhörnchen befallen. Yusuke bestand leichtsinnig und leichtfüssig darauf, sich möglichst an keiner Kette festzuhalten und ist nur einmal ausgeglitten, wobei allerdings seine Kamera etwas Schaden genommen hat, was für einen Japaner mindestens so lebensbedrohlich ist wie der Fall in die Tiefe. Arches war etwas enttäuschend, diesen Park hat man nach dem Betrachten von (Schönwetter-)Fotos schon fast gesehen. Und dann war da noch Canyonlands, mit strahlendem Wetter, viel weniger Touristen, und einem blutgefrierenden Blick über die Klippe, der mich mehr beeindruckt hat als der Grand Canyon. Bilder aus Utahs Nationalparks:
Zion, Bryce Canyon, Arches, Canyonlands.

Dinge, die mich letzthin zum Lachen brachten:
Eine Schwedin: "We're practically from the same country!" (Viele Amerikaner tun sich schwer mit dem Unterschied zwischen Sweden und Switzerland)
Ein grosses Schild am Strassenrand: "Warning to tourists: Do not laugh at the natives!"
Ein Kind im Einkaufswagen, singend skandierend "Fruit loops! Fruit loops! ..."

Mittwoch, 11. September 2013

Monsoon

Die Landschaft im Südwesten der USA macht ein schnelles Vorwärtskommen schwierig. Nicht vorwiegend wegen einer kurvigen Strasse, sondern weil man alle paar Meter anhalten möchte, um die ständig wechselnde Kulisse zu geniessen, oder weil man plötzlich unverhofft neben dem Very Large Array durchfährt (für einen Astrophysiker ungefähr, was der Petersdom für einen Katholiken). Leider wird dies durch die Monsoon Saison (ja, das wusste ich nicht, dass es die hier gibt) in den letzten Tagen erschwert, heute war der Zion National Park wegen Überschwemmungen gesperrt. Den gewaltigen Grand Canyon konnte ich vor ein paar Tagen zwischen Wolkenbrüchen trotzdem bestaunen, auch wenn ich auf der 26.5km Wanderung runter zum Colorado River und wieder hoch (ca. 1400 Höhenmeter, die umgekehrte Reihenfolge von Auf-/Abstieg war spannend) eher raste als rastete, nachdem mir eine entgegenkommende Rangerin vom aufgrund Überflutung gesperrten Trail am Vortag erzählt hatte. Die nicht ganz fünf Stunden, die ich schliesslich unterwegs und meistens durchnässt war, haben auf jeden Fall etwas von meinem Sportmanko abgebaut. Das frostig nasse Zelten im Park war danach nicht mehr sehr attraktiv, ich überliess die Reservation vier Österreichern und kehrte zum sympathischen Hostel in Flagstaff zurück, wo die solo und outdoorsy Travellers zum ersten Mal auf meinem Trip den grösseren Teil der Gäste ausmachten. Einer davon war der 21jährige Yusuke aus Japan, der den Film "Into The Wild" über 300mal gesehen und daraus sowohl seine Lebeneinstellung (wilder Camper und Hiker, will nach Alaska), als auch seine für Japaner erstaunliche Aussprache hat. Er war schon in 39 Ländern, verdient sich seine Reisen mit Nachtarbeit (am Tag studiert er) und niemand zu Hause weiss davon, sein Handy ist jeweils monatelang 'kaputt'. Seine ungemein wissensbegierige, intelligente, aber auch stereotypisch bescheidene Art ermöglichten einen für mich faszinierenden Austausch über kulturelle Unterschiede und wie wir mit unseren Erfahrungen umgehen. Solche Begegnungen sind bestimmt einer der besten Gründe zu reisen. - Und soeben hat sich herausgestellt, dass wir im gleichen Motel untergekommen sind, super Zufall. Morgen wird ein neuer Versuch Richtung Zion gestartet.
Die Karte kann ich leider nur mit einem Computer und nicht mit dem Handy updaten, sie ist deshalb nicht immer ganz synchron.

Dienstag, 10. September 2013

Wüstenwanderungen

 Nach dem ersten Kilometern in die Chisos Mountains hinein war ich bereits dehydriert und mir bewusst, dass zwei Liter Wasser eindeutig zu wenig sein würden in dieser extrem trockenen Luft. Der typische Anfängerfehler, der mir seit Jahren nicht mehr passiert ist. Ich habe lieber rationiert als zurückzugehen. Natürlich hat mich dies auf den restlichen, langen und wunderschönen 25km etwas gequält, aber das eisgekühlte glücksgefühlte Cola hernach machte dies wieder wett. Was mich wiederum an eine Wanderung in Neuseeland erinnerte, als ich den krassesten Hungerast gefolgt vom besten Apfel meines Lebens hatte. Für zusätzlichen Ballast sorgte ein am Wegrand verlorenes, brandneues Programmier-Lehrbuch, das seinen Besitzer wahrscheinlich trotzdem nicht wiedergefunden hat. Der Big Bend National Park hat etwas schwer beschreib- und bebildbares, die Fotos werden ihm nicht gerecht. Es ist als wären die Farben farbiger, die Sterne heller, alles etwas intensiver und lebendiger, trotz oder vielleicht gerade wegen der Wüste. Von Hinweistafeln begrüsst, die mir nicht nur den schon bekannten Schwarzbären, sondern auch noch Pumas verprach (man sollte nicht allein, nicht bei Sonnenauf/untergang, und nicht rennend unterwegs sein...), habe ich einen robusten Wanderstab mitgenommen und war überzeugt, noch unter dem Eindruck von Shenandoah, dass ich nur ein paar Schritte machen muss bevor ich das erste Fauchen höre. Doch weder Schwarzbär noch Puma hatten Lust mich zu erschrecken, bloss Tarantel und später dann Schlangen (eine hat geklappert, die andere nicht) liessen sich blicken. Und natürlich Rehe, aber die sind langsam langweilig, die versuchen ja nicht mal zu beissen. Dafür können sie einem surrealerweise zuzwinkern. Eine ausgemergelte Schwarzbärin (ist ein langer Marsch von Shenandoah) mit Jungen begegnete mir schliesslich noch auf dem Weg aus dem Park, und kümmerte sich herzlich wenig um mein Auto. Die Abgelegenheit von Big Bend (oder wie ich irgendwo gelesen habe: es gibt Orte mitten im Nirgendwo, doch dieser Nationalpark ist am Ende von Nirgendwo) bedeutet auch, dass extrem wenig Besucher dort sind.
Warum letzeres auch auf das White Sands National Monument in New Mexico zutrifft ist mir hingegen ein Rätsel. Auf einer 8km Wanderung durch diese weisse Märchenlandschaft habe ich ausser beim Ausgangspunkt keine Menschenseele gesehen. Der Sonnenuntergang in der Wüste war dabei unglaublich, ein Naturschauspiel, wie ich es mir kaum schöner vorstellen kann. Aus einem See entstanden existiert das 700 Quadratkilometer grosse Dünenfeld nur, weil der wasserlösliche Sand (Gypsum) wegen dem eingeschlossenen Becken nicht abtransportiert wird, sondern wieder kristallisiert. Gypsumsand hat eine leicht andere Beschaffenheit und ist grundsätzlich etwas kompakter als normaler Quarzsand, was das Laufen darauf einfacher macht. Man kann auch Plastikwoks mieten um die Dünen hinunter zu rodeln, das hat aber in meinem Fall (mangels Wachs oder aufgrund falscher Düne) nicht wirklich geklappt.

Mittwoch, 4. September 2013

Tor in den Westen

Gerne hätte ich noch mehr vom Mississippi gesehen, es dauerte aber noch eine weitere Stadt-zu-Stadt Fahrt auf dem Highway, bevor ich wirklich wieder andersartig unterwegs sein wollte, davon später. Der Trip von New Orleans nach Austin war aber dank zwei Mitfahrern kurzweilig und brachte mich zudem in die Stadt, die mir bisher am besten gefiel in den Staaten. Sicher half dabei auch Christy (wird regelmässig in female dorms gebucht), der bereits einen Tag vor mir hier war, und der mir schon in Memphis und New Orleans ein intelligenter, wissensreicher, schachbefähigter und erholsam gemässigt auf Saufen und Party ausgerichteter Weggefährte war. Das Klima von Austin (trockene Hitze bei knapp 40º, nachts um 30ºC) erinnerte mich stark an dasjenige von Broome in Westaustralien und ist für mich pure Seelenerquickung. À propos, die Kirsche auf der Sahne besteht aus einer natürlichen kalten Quelle unweit des Stadtzentrums, die als Freibad genutzt und als Seele Austins bezeichnet wird -  ein Sentiment, das wohl zutreffend vielen Stadtgewässern entgegen gebracht werden kann (heimwehseufzer). Das Einnachten wird eingeläutet durch eine Schar von einer Million Fledermäusen, die alle gleichzeitig von ihrem Schlafplatz unter der Brücke auf die Jagd gehen. Ich stelle mir vor, die Mücken leben jeden Tag in Terror vor diesem Augenblick. 
Nightlively braucht sich die Stadt ebenfalls nicht zu verstecken und schien für mich sogar noch etwas freigeistiger, verrückter und vielfältiger als Nashville oder New Orleans. Am Ende einer fast aufgegebenen Suche in vielen Bars mit solala Live-Musik entdeckten wir eine Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug) von sehr jungen, bühnenunerfahrenen Superkönnern ohne Zuhörer, die u.a. Jimmy Hendrix gespielt haben als wär's nix.
Mit dem zusätzlichen Anreiz einer sich langsam verändernden Landschaft, die karger und dadurch durchschaubarer geworden war, gelang es mir endlich, einfach drauflos in Richtung Westen ins Texas Hill Country zu fahren, auf kleineren Strassen, mit vielen Umwegen und Auskundschaftungen, ohne den nächsten Ort schon gebucht zu haben (was ich mir nach der Hostelknappheit im Osten angewöhnt hatte). Eigentlich die einzig richtige Art zu reisen. Wenn da nur nicht all die Orte wären, wo man auch noch hin will, innerhalb der beschränkten Zeit... ein Dilemma der zugegenermassen luxusproblematischen Sorte. Jedenfalls wurde ich, nebst vielen ruralen Eindrücken, mit dem genialsten Ort belohnt, den ich mir vorstellen kann, dem Damm bei Lake Ingram, auf dem sich an diesem Labor Day Wochenende viele Leute tummelten, was für mich beim Vorbeifahren nach umdrehenswürdigem abkühlendem Spass aussah. Dass man die Mauer runterrutschen kann (direkt auf dem glitschigen Stein, auch ohne Untersatz), war die erste Sensation, die zweite war, dass es Spinner gibt, die sich dafür nicht mal hinsetzen, oder erst unabsichtlich auf halbem Weg. War ja schnell klar, dass ich nicht da weg konnte, bevor ich mich dem nicht auch gestellt hatte. Ich hätte natürlich einen Film davon machen müssen, hoffe die Bilder geben auch einen Eindruck - einfach unbändige pure Freude. Untergekommen bin ich, ebenfalls langantizipert, schliesslich in einem Motel, was für mich etwas vom urtümlichst Amerikanischen ist, und in diesem Moment aus all den Filmen zum Leben erwachte. Die Besitzerin war auch noch die crazy cat lady aus den Simpsons.

Mittwoch, 28. August 2013

Music Cities

In der Mitte des Staats Tennessee liegt seine Hauptstadt Nashville, die sich gerne auch als Hauptsstadt der Country-Musik bezeichnet, wobei auch Blues und andere Styles gut vertreten sind. Auf jeden Fall kenne ich keine Stadt, in der sich mehr um die Musik dreht. Wer nicht selbst Musiker ist, der versucht es höchstwahrscheinlich zu sein. Die zahlreichen Honky-Tonks, Musik-Bars und Openairs sind Anziehungspunkt und erhofftes Karrieresprungbrett für unzählige Nachwuchskünstler, wer nicht dort spielen kann versucht es auf der Strasse. Die kreative Stimmung kann dabei auch etwas weniger ausgeprägte Talente zu Performances hinreissen, die an der Grenze zwischen Hoffnung und Verzweiflung stattfinden. Die meisten der Gigs sind aber auf einem erstaunlichen Niveau, teilweise treten auch schon voll etablierte Bands gratis auf, was Ausgang und Nightlife zu einem tollen Erlebnis macht. Tagsüber ist deutlich weniger zu sehen, die originalgetreue Replik des Parthenons war den Besuch aber wert, wenn auch schlussendlich vorwiegend wegen dem umgebenden Park.
Die Elvis-Stadt Memphis scheint zumindest in ihrem Zentrum etwas in der Vergangenheit gefangen zu sein. Gebäude zerfallen, kaum Leben ist zu sehen, und die kurze Touristenmeile Beale Street hat mich schnell in die Flucht geschlagen. Vor (m)einem vernichtenderen Urteil bewahrt wurde der Ort durch den Zufallsbesuch im (leeren) Basketballstadion, die sehr enthusiastische Tour in den Sun Studios (munziges legendäres Aufnahmestudio, da waren u.a. Elvis, Johnny Cash, Bono von U2), und das Pilgrim Hostel mitsamt Quartier. Auf Graceland habe ich verzichtet.
Mit den vor dem Greyhound geretteten Peter (Irland) und Christy (England) im Auto bin ich nach New Orleans gefahren, das 2005 von Hurricane Katrina unter Wasser gelegt wurde. Davon ist nicht mehr viel zu sehen, aber - ähnlich wie 9/11 in New York - bleibt es in Bildern und Menschen präsent. Auch hier ist die Musik überall, besonders beeindruckend war ein Improvisations-Gig, bei dem die Musiker ständig wechselten und gegeneinander antraten. Das Museum zum zweiten Weltkrieg ist eines der besten, das ich je gesehen habe, dort hätte ich auch noch länger als die fünf Stunden zubringen können. Der Abstecher zu den Alligatoren im Sumpf brachte eine ersehnte Abwechslung zur Stadt, zwar geführt mit vielen anderen Touris, aber immerhin dank des Naturparks ohne die leiderweise sonst sehr übliche Fütterung mit Marshmallows oder Huhn.

Kategorie unfassbar: sogar Friedhöfe sind befahrbar.

Am meisten Memphis, aber auch Nashville und New Orleans haben den Ruf, gegendlich kriminell verunsichernd zu sein, was mir auch so vorkam und einige ersthändige Geschichten bestätigten. So wurde ein Aussie innert kürzester Zeit sowohl von seinem Portemonnaie als auch seinem Handy (einem hilfreichen Einheimischen geborgt, der darauf einfach das Weite sucht) befreit. Von Gewaltverbrechen hörte ich nur Gerüchte, auf jeden Fall aber lohnt es sich hier, etwas Vorsicht walten zu lassen. 
Als nächstes geht's nach Texas.

Montag, 19. August 2013

Augenzwinkern

Einige Stunden südlich von New Bern liegt die Universitätsstadt Charleston in South Carolina, die mir unter anderem von Scott ausdrücklich ans Herz gelegt wurde, wo sie trotz einer schwierigen Zeit für mich wohl eine Weile bleiben wird. Bei zunächst extrem heissen Bedingungen genoss ich das auffallend häufige Lächeln der Leute, die historischen Gebäude in der Innenstadt, den Strand, Kayakfahren (mit James, Joe, Alvaro, Delphinen und Pelikanen) und ein Hostel, in dem bei einer wechselnden Kundschaft von ca. 25 Leuten sofort jeder mit jedem spricht und eine enge Gemeinschaft entsteht, mit der sogar die lebendige Clubbing-Szene der Stadt Spass gemacht hat. Cheers to the spirited Irish crew;)! Danach wurde meine Sicht auf die "freundlichste Stadt Amerikas" (11 Jahre in Folge) leider durch die sintflutartigen Niederschläge und eine Augenverletzung getrübt. Erstere legte grosse Teile von Charleston unter Wasser, letztere mich lahm. Sie liess mich um 3 Uhr morgens schmerztränend den Notfall aufsuchen, der sowohl hochkompetent (sie weckten sogar den Spezialisten) als auch hochüberteuert (eine Schätzung belief sich auf $800) zu sein scheint. Augenscheinlich der Fähigkeit beraubt, selbst nach Knoxville in Tennessee zu fahren musste ich mich eine Nacht mit einem Feldbett in einen sowieso überfüllten 8er-Schlag zwängen, bevor mich Joe aus England in meinem Auto hinfuhr. In Knoxville konnte mir glücklicherweise meine Cousine Christina helfen, trotz Wochenende augenblicklich einen hervorragenden (und günstigeren) Arzt zu finden, inzwischen habe ich, viele Antibiotika- und Steroiden-Tropfen später, endlich wieder fast den Durchblick. Mit den sehr sportlich veranlagten Christina und Bill war ich ständig entsprechend unterwegs, wir besuchten ein Training des College (nicht Profiliga) Football Teams, dem (laut offiziellen Angaben) unglaubliche 39'000 Zuschauer beiwohnten (Platz haben über 100'000). Total meschugge und alle orange. Als es zu regnen begann sind die meisten geblieben und haben sich einfach unters Vordach verzogen. Ausserdem waren wir ständig Joggen und auch einmal im Gym, wo ich dann vor allem Basketball gespielt habe, zu meiner grossen Freude. Das Niveau war dabei ziemlich hoch und einer der Spieler, kleiner als ich, hat im Match auch eben mal gedunkt - Schuhe etwa bei meinen Ellenbogen.
Die Linsenprobleme haben sich auf die Anzahl (und Schärfe?;) der gemachten Bilder ausgewirkt, das wird sicher auch wieder besser.

Mittwoch, 14. August 2013

Piratenfriedhof

Die Outer Banks sind eine Kette von langezogenen Inseln vor der Küste North Carolinas, nicht viel mehr als Sandbänke, die nicht (nur selten) überflutet werden. Eine gut ausgebaute Strasse, Brücken und zwei Fähren verbinden die Inseln untereinander und mit dem Festland. Die Dünen der Insel Ocracoke haben Piraten (Blackbeard fand hier sein Ende), Schiffbrüchige und ab 1750 auch Siedler aufgenommen, manchmal geben sie ein paar verblichene Überreste wieder frei. Im Restaurant Dajio will niemand die letzten Aufräumarbeiten übernehmen, weil die im Hinterhof begrabene ehemalige Besitzerin des Hauses dann jeweils erscheint. Diese Schauergeschichten spielen in einer schaurig schönen Landschaft von meilenlangen Stränden, die viele Touristen anzieht, für mich aber vor allem anhand von zwei kaltduschenden, abgelegenen Zeltplätzen geglänzt hat. In einem zauberhaften Moment sind im Sonnenaufgang zwei Delphine nahe des Ufers vorbeigeglitten. Einmal etwas über dem Horizont brennt die Sonne hier kräftig, und einmal darunter erscheint ein sternenhimmlisches Spektakel. Beidem begegnet man am Besten mit weggelassenem Aussenzelt. Meine freundlichen Nachbarn E.J. und ihre Tochter Colleen haben mich herzlich und zwerchfelllastig unterhalten, ansonsten bin ich aber auch erstaunlich vielen Campern begegnet, die nicht einmal zurückgrüssen.
Wieder auf dem Festland fühlte ich mich verpflichtet, der Stadt New Bern wenigstens einen kurzen Besuch abzustatten, und dort jedem mitzuteilen, dass ich Berner bin. Begrüsst wurde ich von einem langen Messer im Gras und einer sehr verwirrten älteren Sozialhilfebezügerin. Danach stellte sich New Bern aber mehr und mehr als beschauliche kleine Stadt heraus, in der das Berner Wappen allgegenwärtig ist. Vor lauter Heimatgefühlen habe ich meine Kreditkarte im Restaurant liegen gelassen, sie aber von meinen B&B Gastgebern Sharon und Richard in liebenswürdigster Weise abgeholt und nachgeschickt erhalten.

Mittwoch, 7. August 2013

Chasing Balloons

In Charlottesville, Virginia, habe ich meine Tante Berta besucht, von der ich nur sehr wenige Erinnerungen hatte. Trotz meiner sehr frühzeitigen Planung (Telefon tags zuvor), war sie frecherweise noch zwei Tage weg, ich wurde aber von Scott, der das Anwesen in Schuss hält, sehr liebenswürdig empfangen und im Gästezimmer einquartiert, in dem schon mein Vater, wie dieser mir verraten hat, vor genau 50 Jahren für eine Weile wohnte. Aus einem kurzen "Hi" sagen wurden so schliesslich sechs Tage Aufenthalt, in denen ich half einen Heissluftballon zu jagen (Scott ist Pilot, sehr junge 60, ledig, bringt Geld und Ballon;) und den Flug für die frischverlobten Passagiere in Bildern festzuhalten, viel über die Geschichte der ersten englischen Kolonie und Thomas Jefferson erfuhr (aus Virginia stammen u.a. 4 der ersten 5 US-Präsidenten), den James River auf alten Autopneus (heisst tubing, hat an Laos erinnert) runtergondelte, grosse Freude am Piano entwickelte, die warmen und grillendurchtönten Nächte genoss, mir den Titel Lieblingsneffe mit nachdrücklich demokratisch-liberalen Argumenten verscherzte, den perfekt in die Stimmung passenden Western "The Man Who Shot Liberty Valance" (1962) anschauen durfte. Ganz allgemein bin ich in diesen Tagen einem Haufen guten Leuten begegnet und habe eines meiner Vorurteile gegenüber Amis um die Ohren geknallt erhalten, als eine Kellnerin uns innerhalb von kürzester Zeit ihr ziemlich krasses Leben (3jährige Tochter deren Vater es einmal gesehen hat und sich wie gewünscht fernhält, verdient $2.30 plus Trinkgeld auf die Stunde, hatte zwei Stunden im Restaurant geschlafen und befand sich also mehr oder weniger in einer 24h-Schicht, hilft mit bei der Ernährung der Kinder ihrer Schwester...) auf eine derart offene und immer noch positive Art (augenleuchtende Riesenfreude am Kind) mitgeteilt hat, dass ich nie wieder behaupten möchte, Amerikaner würden sich schwer tun mit tiefgehenden Gesprächen.
Manchmal muss man nicht mal fragen, um Persönliches zu erfahren:

An einer Bar, Musik ist zu laut, Gast hat einen (kaum vorhandenen!) Schweizer Akzent.

Gast (vermisst die gute alte Zeit der Internet-Cafés): "Do you have a key for the wifi?" [Do you have a kid or a wife?]
Bartender (leicht irritiert): "In fact I have two kids and an ex-wife..." [In fact I have two keys, one is ex-wife..."]
Gast (zieht Augenbraue hoch): "ex-wife??"
Bartender (nickt): "Yup."
Gast (beginnt achselzuckend ex-wife als Passwort einzutragen)
Bartender (will's jetzt doch wissen): "Why do you ask?"

 ... Es folgt die Aufklärung des Missverständnisses zur, nur leicht peinlich berührten, Heiterkeit aller Beteiligten.

Freitag, 2. August 2013

Bärenwald

Der Appalachian Trail (AT) ist mit ca. 3500 km der längste ununterbrochene Wanderweg der Erde, etwa 160 davon liegen im Shenandoah National Park. Inzwischen gibt es jedes Jahr ein paar tausend Verrückte, die versuchen den gesamten Trail in einem Zug zu durchlaufen, etwa jedem Vierten gelingt dies, in durchschnittlich 4-5 Monaten. Häufiger sind die section-hikers, die immer wieder zum AT zurückkehren um ein weiteres Stück zu absolvieren. Meistens übernachten die Wanderer in freier Wildbahn zeltend oder in rauhen Holzunterständen. Ed, 63 aus Kentucky, hatte in zwei Tagen 20 Meilen auf dem AT zurückgelegt, dann wurde er von einem Magenvirus flachgelegt. Er hat mir versichert, dies sei sein letzter Anlauf gewesen, er sei zu alt und der Trail zu streng und die Luft zu feucht. Eine Rangerin hat mir später eröffnet, im Moment grassiere ein hochansteckender Norovirus unter den AT Hikern, man solle am besten jeden Kontakt vermeiden. Damit konfrontiert, dass ich sogar einen Höflichkeits-Cracker von einem Solchigen gegessen hatte, schien ihr Blick und das "Oh"  mir bestenfalls marginale Überlebenschancen einzuräumen - ich bin aber davongekommen.
Wer mehr über den AT wissen oder ganz einfach nur ein witziges Buch lesen möchte, dem sei "A Walk in the Woods" von Bill Bryson wärmstens empfohlen, mir hat es Dävu mitgegeben. Es enthält auch ein Kapitel über Schwarzbären, das ich versucht habe zu vergessen. Der Shenandoah N.P. hat, laut Bryson und also 1997, weltweit die höchste Dichte an Schwarzbären, mit etwa einem pro Quadratmeile. Nun bin ich relativ sicher, dass sich die Viecher seither mit nicht viel anderem beschäftigt haben als sich zu vervielfachen. Schon bevor ich beim Zeltplatz ankam habe ich Mamabär mit zwei Jungen gesehen. Auch wenn der Schwarzbär einiges ungefährlicher ist als etwa der Grizzly und von 2000-2010 in Nordamerika nur gerade 16 Fälle von Angriffen mit tödlichem Ausgang bekannt sind, lasst mich versichern, ist das Tier aus der Nähe und ohne Zaun dazwischen angsteinflössend genug. Oder wie es Bryson auf den Punkt bringt - ein tödlicher Angriff reicht. Die erste Nacht im Zelt habe ich auch schon ruhiger geschlafen. Am nächsten Tag ging ich laufen, natürlich durch den Wald (die "Berge" hier sind rollende, vollkommen bewaldete Hügel, etwa 1000m hoch, und die "spectacular views" verstärken mein Alpenheimweh), der aber abgesehen von seiner Unaufhörlich- und (zumindest für Botanik-Laien) Gleichförmigkeit wirklich zaubervoll ist und jede Menge Bären, halbzahme Rehe, Eichhörnchen, Streifenhörnchen (Ahörnchen bis Zhörnchen), Vögel (u.a. Adler) und Myriaden von grossen Schmetterlingen beherbergt. Auf halbem Weg wurde mir bewusst, dass sich der Pfad mit seinen moderaten Anstiegen prima für trail running eignet, was dann auch den Vorteil hatte, dass ich schon am rennen wäre beim nächsten Bär (ach nein, davonlaufen sollte man ja gerade nicht). Den habe ich aber erst am nächsten Tag gesehen, ca. sieben Meter unter mir, als ich lesend auf einem Felsvorsprung nahe des AT sass. Ich war mir zu 90% sicher, dass er meine sonnenangeröstete Wenigkeit nicht verspeisen wollte, aber noch sicherer wollte ich nicht darauf warten bis ich Unrecht habe und mich zwischen Bär und Abgrund entscheiden muss (nähm doch den Bär). Hab also noch vergeblich versucht ein Foto zu machen, und bin dann abgezischt. Eine Stunde später, Knie wieder stabil, bin ich schon wieder fast in einen Bär reingelaufen, nach kurzem Anstarren ist er aber mitsamt Jungem umgedreht und hinter der Kuppe verschwunden. Supersache für mich. Gibt nichts Besseres um dir die Angst zu nehmen, als wenn die Angstquelle Angst vor dir zeigt. Ging mir mit Schlange, Hai und meiner ersten Freundin auch schon so.

Samstag, 27. Juli 2013

Hauptsächlich Stadt

Mein Mietauto abzuholen hat sich anstrengend gestaltet. Obwohl ich den kompletten Betrag schon vor nicht ganz einem Monat bezahlt hatte, wollte Avis zu ihrer Sicherheit noch einmal die Hälfte der Automiete auf meiner Kreditkarte sperren, inklusive einer one-way fee, die ich sowieso schon bezahlt habe. Nachdem ich viermal weiterverbunden wurde und jedesmal ein bisschen weniger freundlich mitgeteilt habe, was ich davon halte, habe ich den Protest aufgegeben. Meine greifbare Unzufriedenheit hat den Avis-Mensch verlanlasst, mir ein zwei Kategorien besseres Auto zu geben, was ich dann nicht abgelehnt habe. Ein Foto davon folgt sicher mal noch.
Nach etwa fünf Stunden Fahrt bin ich in Washington bei meinem Hostel angekommen, in einem Quartier, das auf den ersten Blick wenig vertrauenseinflössend wirkt. Meistens der einzige Weisse im Bus zu sein hat aber den grossen Vorteil, das von New York sabotierte Fremdfühlen und damit dankbarerweise auch meine Ferienstimmung voranzutreiben. Zudem haben sich die Leute hier als überaus freundlich und sympathisch herausgestellt. Washington D.C. ist einen Abstecher wert mit seinen grösstenteils kostenlosen, wirklich guten Museen und der auch sonst sehr lebendigen Kulturszene. Ich war bei einem Konzert/Biergarten in einem Hinterhofparkplatz, hat ein bisschen an die Lorraine erinnert, mit etwa 30-40 Leuten, einziges Manko, etwas ohne Booze gab's nicht. Tags darauf bin ich an ein anderes Konzert im Skulpturengarten der National Gallery of Art herangelaufen, der war komplett vollgepackt von Abhängern, kaum noch ein Fleckchen um sich hinzusetzen. Das Capitol ist vor allem im Innern beeindruckend, überall Marmorsäulen und Kuppeln. Der Senat tagte noch, aber nachdem ich etwa eine halbe Stunde den immer wieder gleichen Argumenten in etwas umgestellten Sätzen zur Sprechung von Geldern, bzw. zum Vorgehen der Entscheidungsfindung zum Sprechen von Geldern zugehört hatte (im Saal waren durchschnittlich etwa sechs Politiker anwesend, von theoretisch hundert), war mir klar wieso nur die wenigsten Besucher auch hierhin kommen.
Morgen fahre ich auf dem Skyline Drive in den Shenandoah ("Daughter of the Stars") National Park zum Campen und Wandern. Ich freue mich auf die hoffentlich ebenso poetische Natur. Das gibt dann sicher auch etwas bessere Fotos. Die paar aus Washington sind grösstenteils mit dem Handy geschossen, da ich das mit dem Batterie aufladen noch nicht kapiert habe.

Dienstag, 23. Juli 2013

Fremd Einheimisch


Neun Tage in der Stadt der vertikalen Übergrösse haben gereicht, um ein bisschen an ihrer Oberfläche zu kratzen. Man hat immer ein Bild eines Orts, bevor man hingeht, und meine Bilder treffen in den seltensten Fällen genau zu. Mich hat die enorme Energie dieser Stadt beeindruckt, die in ihrem Zentrum das Gefühl erzeugt, dass man sich im Zentrum dieser Welt befindet. Es scheint alles hierherzuströmen, wo es sich auftürmt und zu einem heterogenen Ganzen wird, das in seiner unglaublichen Vielfalt doch nur mit einem, laut pochenden Herz schlägt. In den Strassen ist es unmöglich zu entscheiden, welche Bevölkerungsgruppe in der Überzahl ist; Farbige, Latinos, Asiaten, Weisse, alle scheinen überall zu sein. Auch wenn es Quartiere mit deutlichen Konzentrationen gibt, bleibt Manhattan ein riesiger Schmelztiegel. Nirgends sonst auf dieser Welt hatte ich bisher als Tourist das Gefühl, so wenig Fremdes zur Bevölkerung beizutragen. Eine der wunderbarsten Ausprägungen davon ist, dass grundsätzlich jeder als Einheimischer betrachtet wird, denn weder Akzent noch Kleidung oder Aussehen vermögen eine deutliche Ausgrenzung zu erzeugen - hier ist alles schon vorhanden. Auf den Strassen laufen Geschäftsleute, Strassenverkäufer, shirtlose Jogger, Hipster, Amazonen, Heimatlose, Touristen, Verrückte, Workaholics, Basketballer, Schickimickis, Polizisten und Mütter mit Kinderwagen kreuz und quer durcheinander, meist ohne ineinander zu stossen oder Anstoss zu nehmen, oft ohne Notiz zu nehmen. Geteilt wird der Lebensraum, die Metro, die Hitze und eine zumindest vordergründige Toleranz.

Zu meiner Schande habe ich etwa gleich viel Zeit darauf verwendet mein Equipment zusammenzukriegen (vor allem camping gear), wie die Stadt zu erkunden. Am beeindruckendsten in letzterer Kategorie war aber die Nachtsicht auf die Stadt vom Dach des Rockefeller Centers, absolut spektakulär, und der Besuch eines Pubs, wo uns die pausenlos ablaufenden bühnenreifen Drama/Komik-Szenen mit ihren skurrilen Darstellern bis zum weinenden Lachen gebracht haben. Die unmittelbare Nähe zum Broadway wirkt offenbar inspirierend. Später am Morgen wollten meine roomies Carsten (Dänemark) und Bert (Belgien) im McDonald's vorbei, Bert hat dabei den Fehler begangen ein Filet-O-Fish zu bestellen, was zu einem Aufruhr unter den restlichen Gästen geführt hat, die Reaktionen schwankten zwischen Besorgnis, Ungläubigkeit und leicht feindseliger Verteidigung der eigenen Weltanschauung.
Obwohl die Stadt grösstenteils schön rechteckig und geordnet ist, gibt es doch noch genügend Räume, in denen man sich verlaufen kann, zum Beispiel im Central Park (beim Joggen in der Nacht), oder im naturhistorischen Museum.
Morgen hole ich meinen Mietwagen ab und fahre nach Washington (nachdem ich in Philadelphia keine anständige Unterkunft mehr gefunden habe). Sehr wahrscheinlich geht es danach weiter Richtung Süden.
Ich habe mir eine amerikanische SIM-Karte zugelegt, damit wechselt meine Handynummer bis anfangs Oktober auf +1 646 428 5321.

Montag, 8. Juli 2013

Schönes Ende der Welt und auf in die Neue

Nach ein paar vollen Tagen, in denen viel zu Ende ging (Arbeit, Nachmietersuche, Nerven) habe ich meine Ferien im Finistère in der Bretagne beginnen dürfen, zu Besuch bei meinen Eltern, die sich dort in einem Haus kaum einen Steinwurf vom Meer entfernt einquartiert hatten. Bei Ebbe drei Steinwürfe.

 

An der Thunerseeküste haben mich viele der besten Gründe zurückzukommen bei Bräteln, Ping-Pong und bengalischen Zündhölzern verabschiedet. Heute steht nun noch einiges Räumen, Putzen, Packen, Übergeben (nur die Wohnung, wie gehts den anderen Kandidaten?) an, bevor ich morgen früh endgültig die Flügel ausbreite, vergeblich flattere und dann im Flugzeugsitz platznehme, mit Ziel New York. Danach habe ich vor zu realisieren was ich alles vergessen habe, mich darüber aufzuregen und Frieden damit zu schliessen, die amerikanische Zolltortur unbeschadet zu überstehen, einige Nötigkeiten einzukaufen, mein Jetlag auszukurieren und die restliche Abschiedstraurigkeit abzulegen, um schliesslich voller Freude den Roadtrip vom einen Ozean zum anderen zu starten. Es wird sich zeigen ob das alles klappt.

Alles weitere ist noch nicht wirklich geplant, ich habe aber vor, hier hin und wieder eine Episode oder Fotos von unterwegs zu deponieren, damit ein wenig mitreisen kann wer mag. Natürlich freue ich mich sehr auch was aus der Schweiz (oder Deutschland giltet auch noch;) zu hören.