Dienstag, 23. Juli 2013

Fremd Einheimisch


Neun Tage in der Stadt der vertikalen Übergrösse haben gereicht, um ein bisschen an ihrer Oberfläche zu kratzen. Man hat immer ein Bild eines Orts, bevor man hingeht, und meine Bilder treffen in den seltensten Fällen genau zu. Mich hat die enorme Energie dieser Stadt beeindruckt, die in ihrem Zentrum das Gefühl erzeugt, dass man sich im Zentrum dieser Welt befindet. Es scheint alles hierherzuströmen, wo es sich auftürmt und zu einem heterogenen Ganzen wird, das in seiner unglaublichen Vielfalt doch nur mit einem, laut pochenden Herz schlägt. In den Strassen ist es unmöglich zu entscheiden, welche Bevölkerungsgruppe in der Überzahl ist; Farbige, Latinos, Asiaten, Weisse, alle scheinen überall zu sein. Auch wenn es Quartiere mit deutlichen Konzentrationen gibt, bleibt Manhattan ein riesiger Schmelztiegel. Nirgends sonst auf dieser Welt hatte ich bisher als Tourist das Gefühl, so wenig Fremdes zur Bevölkerung beizutragen. Eine der wunderbarsten Ausprägungen davon ist, dass grundsätzlich jeder als Einheimischer betrachtet wird, denn weder Akzent noch Kleidung oder Aussehen vermögen eine deutliche Ausgrenzung zu erzeugen - hier ist alles schon vorhanden. Auf den Strassen laufen Geschäftsleute, Strassenverkäufer, shirtlose Jogger, Hipster, Amazonen, Heimatlose, Touristen, Verrückte, Workaholics, Basketballer, Schickimickis, Polizisten und Mütter mit Kinderwagen kreuz und quer durcheinander, meist ohne ineinander zu stossen oder Anstoss zu nehmen, oft ohne Notiz zu nehmen. Geteilt wird der Lebensraum, die Metro, die Hitze und eine zumindest vordergründige Toleranz.

Zu meiner Schande habe ich etwa gleich viel Zeit darauf verwendet mein Equipment zusammenzukriegen (vor allem camping gear), wie die Stadt zu erkunden. Am beeindruckendsten in letzterer Kategorie war aber die Nachtsicht auf die Stadt vom Dach des Rockefeller Centers, absolut spektakulär, und der Besuch eines Pubs, wo uns die pausenlos ablaufenden bühnenreifen Drama/Komik-Szenen mit ihren skurrilen Darstellern bis zum weinenden Lachen gebracht haben. Die unmittelbare Nähe zum Broadway wirkt offenbar inspirierend. Später am Morgen wollten meine roomies Carsten (Dänemark) und Bert (Belgien) im McDonald's vorbei, Bert hat dabei den Fehler begangen ein Filet-O-Fish zu bestellen, was zu einem Aufruhr unter den restlichen Gästen geführt hat, die Reaktionen schwankten zwischen Besorgnis, Ungläubigkeit und leicht feindseliger Verteidigung der eigenen Weltanschauung.
Obwohl die Stadt grösstenteils schön rechteckig und geordnet ist, gibt es doch noch genügend Räume, in denen man sich verlaufen kann, zum Beispiel im Central Park (beim Joggen in der Nacht), oder im naturhistorischen Museum.
Morgen hole ich meinen Mietwagen ab und fahre nach Washington (nachdem ich in Philadelphia keine anständige Unterkunft mehr gefunden habe). Sehr wahrscheinlich geht es danach weiter Richtung Süden.
Ich habe mir eine amerikanische SIM-Karte zugelegt, damit wechselt meine Handynummer bis anfangs Oktober auf +1 646 428 5321.

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