Freitag, 2. August 2013

Bärenwald

Der Appalachian Trail (AT) ist mit ca. 3500 km der längste ununterbrochene Wanderweg der Erde, etwa 160 davon liegen im Shenandoah National Park. Inzwischen gibt es jedes Jahr ein paar tausend Verrückte, die versuchen den gesamten Trail in einem Zug zu durchlaufen, etwa jedem Vierten gelingt dies, in durchschnittlich 4-5 Monaten. Häufiger sind die section-hikers, die immer wieder zum AT zurückkehren um ein weiteres Stück zu absolvieren. Meistens übernachten die Wanderer in freier Wildbahn zeltend oder in rauhen Holzunterständen. Ed, 63 aus Kentucky, hatte in zwei Tagen 20 Meilen auf dem AT zurückgelegt, dann wurde er von einem Magenvirus flachgelegt. Er hat mir versichert, dies sei sein letzter Anlauf gewesen, er sei zu alt und der Trail zu streng und die Luft zu feucht. Eine Rangerin hat mir später eröffnet, im Moment grassiere ein hochansteckender Norovirus unter den AT Hikern, man solle am besten jeden Kontakt vermeiden. Damit konfrontiert, dass ich sogar einen Höflichkeits-Cracker von einem Solchigen gegessen hatte, schien ihr Blick und das "Oh"  mir bestenfalls marginale Überlebenschancen einzuräumen - ich bin aber davongekommen.
Wer mehr über den AT wissen oder ganz einfach nur ein witziges Buch lesen möchte, dem sei "A Walk in the Woods" von Bill Bryson wärmstens empfohlen, mir hat es Dävu mitgegeben. Es enthält auch ein Kapitel über Schwarzbären, das ich versucht habe zu vergessen. Der Shenandoah N.P. hat, laut Bryson und also 1997, weltweit die höchste Dichte an Schwarzbären, mit etwa einem pro Quadratmeile. Nun bin ich relativ sicher, dass sich die Viecher seither mit nicht viel anderem beschäftigt haben als sich zu vervielfachen. Schon bevor ich beim Zeltplatz ankam habe ich Mamabär mit zwei Jungen gesehen. Auch wenn der Schwarzbär einiges ungefährlicher ist als etwa der Grizzly und von 2000-2010 in Nordamerika nur gerade 16 Fälle von Angriffen mit tödlichem Ausgang bekannt sind, lasst mich versichern, ist das Tier aus der Nähe und ohne Zaun dazwischen angsteinflössend genug. Oder wie es Bryson auf den Punkt bringt - ein tödlicher Angriff reicht. Die erste Nacht im Zelt habe ich auch schon ruhiger geschlafen. Am nächsten Tag ging ich laufen, natürlich durch den Wald (die "Berge" hier sind rollende, vollkommen bewaldete Hügel, etwa 1000m hoch, und die "spectacular views" verstärken mein Alpenheimweh), der aber abgesehen von seiner Unaufhörlich- und (zumindest für Botanik-Laien) Gleichförmigkeit wirklich zaubervoll ist und jede Menge Bären, halbzahme Rehe, Eichhörnchen, Streifenhörnchen (Ahörnchen bis Zhörnchen), Vögel (u.a. Adler) und Myriaden von grossen Schmetterlingen beherbergt. Auf halbem Weg wurde mir bewusst, dass sich der Pfad mit seinen moderaten Anstiegen prima für trail running eignet, was dann auch den Vorteil hatte, dass ich schon am rennen wäre beim nächsten Bär (ach nein, davonlaufen sollte man ja gerade nicht). Den habe ich aber erst am nächsten Tag gesehen, ca. sieben Meter unter mir, als ich lesend auf einem Felsvorsprung nahe des AT sass. Ich war mir zu 90% sicher, dass er meine sonnenangeröstete Wenigkeit nicht verspeisen wollte, aber noch sicherer wollte ich nicht darauf warten bis ich Unrecht habe und mich zwischen Bär und Abgrund entscheiden muss (nähm doch den Bär). Hab also noch vergeblich versucht ein Foto zu machen, und bin dann abgezischt. Eine Stunde später, Knie wieder stabil, bin ich schon wieder fast in einen Bär reingelaufen, nach kurzem Anstarren ist er aber mitsamt Jungem umgedreht und hinter der Kuppe verschwunden. Supersache für mich. Gibt nichts Besseres um dir die Angst zu nehmen, als wenn die Angstquelle Angst vor dir zeigt. Ging mir mit Schlange, Hai und meiner ersten Freundin auch schon so.

2 Kommentare:

  1. wosch dir nid es glöggeli choufe?

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  2. Jäh, bi nid so überzügt dass es glöggli funktioniert, ganz abgseh drvo dass i mer gloubs vorchiem wi ne chue... U we dä bär iz grad vor musikalische sorte isch u chly wott glöggele? aber für d'rockies chouf i mer mit bestimmtheit ä pfäfferspray!

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