Donnerstag, 10. Oktober 2013

Bäumig

Plötzlich bin ich auf dem letzten Abschnitt unterwegs, vom Studentensstädtchen San Luis Obispo nach Los Angeles. Mit jeder Meile des Roadtrips ist das Freiheits- und Glücksgefühl stärker geworden, und in diesem Moment wünsche ich mir sehr, einfach weiter zu fahren, umzudrehen und eine andere Route zurück zum Atlantik zu suchen, herauszufinden wo sich all die fetten und ungehobelten Texaner versteckt halten, all die Orte abzuklappern, von denen ich nur gehört anstatt sie gesehen zu haben, und diejenigen ein zweites Mal zu besuchen, die mir ans Herz gewachsen sind. Bestimmt ist zuhause in der Schweiz die Zeit etwas schneller ins Land gegangen, und es muss übertrieben klingen, nach so kurzer Zeit schon nostalgisch zu werden. Die Anzahl der Eindrücke, hervorgerufen durch die Verschiedenartigkeit der Menschen und Landschaften könnten aber einer kleinen Weltreise entsprungen sein. Ich bringe als Folge davon auch nicht mehr ganz den gleichen Zynismus auf, wenn ich Amerikaner treffe, die kaum etwas ausserhalb ihres eigenen Landes kennen.
Für die Szenerie der Westküste wurde ich nie ganz warm. Zuerst zu viel Regen, danach zu viel verzworggeltes Gebüsch und karge Steinhänge, meistens ein hängender Dunst über dem Meer und viel treibendes Seegras darin, zu viel Strasse im Blick. Die Fahrt, sehr oft mit offenem Blick auf den Ozean, war natürlich dennoch ein Vergnügen. Für das absolute Highlight sorgten aber Wälder in der Nähe von Arcata, die Redwoods, die früher den gesamten Landstrich bedeckten und heute mit über 100 Metern die höchsten Bäume der Welt beherbergen, sie sind bis zu 2000 Jahre alt. Der Wald strahlt eine majestätische Ruhe aus, er wird mit etwas Phantasie zu einer wahren Feenlandschaft, in der man sich schon mal zum tree hugging hinreissen lassen kann, umso mehr wenn Meredith (Aussie) offensichtlich viel Spass dabei hat.
Die schönsten Momente am Meer waren ganz eindeutig die Sonnenuntergänge, der spektakulärste davon in Morro Bay hat mich sogar stark an Broome und den Cable Beach erinnert (dazu mehr in etwa drei Monaten:).
In San Francisco fand im Golden Gate Park gerade ein dreitägiges gratis Musik-Festival statt, an dem jährlich etwa 750'000 Leute an- und mittanzen. Hier scheint der friedliche Hippie Geist von Woodstock (wie ich ihn mir vorstelle) im goldenen Abendlicht und der staubaufgewirbelten, von Marihuana geschwängerten, musikdurchströmten Luft noch lebendig. Die freigeistige, erfinderische, kreative, hügelige, höfliche, leider von viel Obdachlosigkeit betroffene Grosstadt schien mir auf den ersten Blick - im Gegensatz etwa zu Manhattan - ein Ort, an dem ich leben könnte.

Nun sitze ich in der Lobby eines Hostels in Santa Monica, Hollywood und Downtown L.A. habe ich mir geschenkt, und fliege in einigen Stunden Richtung Fiji, bleibe aber nicht auf der Hauptinsel sondern fliege weiter in Richtung des richtig abgelegenen Maqai Beach auf der Insel Qamea. Der elfte Oktober wird im Flugzeug übersprungen.


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