Mittwoch, 4. September 2013

Tor in den Westen

Gerne hätte ich noch mehr vom Mississippi gesehen, es dauerte aber noch eine weitere Stadt-zu-Stadt Fahrt auf dem Highway, bevor ich wirklich wieder andersartig unterwegs sein wollte, davon später. Der Trip von New Orleans nach Austin war aber dank zwei Mitfahrern kurzweilig und brachte mich zudem in die Stadt, die mir bisher am besten gefiel in den Staaten. Sicher half dabei auch Christy (wird regelmässig in female dorms gebucht), der bereits einen Tag vor mir hier war, und der mir schon in Memphis und New Orleans ein intelligenter, wissensreicher, schachbefähigter und erholsam gemässigt auf Saufen und Party ausgerichteter Weggefährte war. Das Klima von Austin (trockene Hitze bei knapp 40º, nachts um 30ºC) erinnerte mich stark an dasjenige von Broome in Westaustralien und ist für mich pure Seelenerquickung. À propos, die Kirsche auf der Sahne besteht aus einer natürlichen kalten Quelle unweit des Stadtzentrums, die als Freibad genutzt und als Seele Austins bezeichnet wird -  ein Sentiment, das wohl zutreffend vielen Stadtgewässern entgegen gebracht werden kann (heimwehseufzer). Das Einnachten wird eingeläutet durch eine Schar von einer Million Fledermäusen, die alle gleichzeitig von ihrem Schlafplatz unter der Brücke auf die Jagd gehen. Ich stelle mir vor, die Mücken leben jeden Tag in Terror vor diesem Augenblick. 
Nightlively braucht sich die Stadt ebenfalls nicht zu verstecken und schien für mich sogar noch etwas freigeistiger, verrückter und vielfältiger als Nashville oder New Orleans. Am Ende einer fast aufgegebenen Suche in vielen Bars mit solala Live-Musik entdeckten wir eine Band (Gitarre, Bass, Schlagzeug) von sehr jungen, bühnenunerfahrenen Superkönnern ohne Zuhörer, die u.a. Jimmy Hendrix gespielt haben als wär's nix.
Mit dem zusätzlichen Anreiz einer sich langsam verändernden Landschaft, die karger und dadurch durchschaubarer geworden war, gelang es mir endlich, einfach drauflos in Richtung Westen ins Texas Hill Country zu fahren, auf kleineren Strassen, mit vielen Umwegen und Auskundschaftungen, ohne den nächsten Ort schon gebucht zu haben (was ich mir nach der Hostelknappheit im Osten angewöhnt hatte). Eigentlich die einzig richtige Art zu reisen. Wenn da nur nicht all die Orte wären, wo man auch noch hin will, innerhalb der beschränkten Zeit... ein Dilemma der zugegenermassen luxusproblematischen Sorte. Jedenfalls wurde ich, nebst vielen ruralen Eindrücken, mit dem genialsten Ort belohnt, den ich mir vorstellen kann, dem Damm bei Lake Ingram, auf dem sich an diesem Labor Day Wochenende viele Leute tummelten, was für mich beim Vorbeifahren nach umdrehenswürdigem abkühlendem Spass aussah. Dass man die Mauer runterrutschen kann (direkt auf dem glitschigen Stein, auch ohne Untersatz), war die erste Sensation, die zweite war, dass es Spinner gibt, die sich dafür nicht mal hinsetzen, oder erst unabsichtlich auf halbem Weg. War ja schnell klar, dass ich nicht da weg konnte, bevor ich mich dem nicht auch gestellt hatte. Ich hätte natürlich einen Film davon machen müssen, hoffe die Bilder geben auch einen Eindruck - einfach unbändige pure Freude. Untergekommen bin ich, ebenfalls langantizipert, schliesslich in einem Motel, was für mich etwas vom urtümlichst Amerikanischen ist, und in diesem Moment aus all den Filmen zum Leben erwachte. Die Besitzerin war auch noch die crazy cat lady aus den Simpsons.

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